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20. Juni 2026

Eine Website in 81 Pixeln

„Favicon“ ist so ein Wort, das man nur kennt, wenn es fehlt. Das kleine Icon links im Browser-Tab, das einem sagt, welcher Tab welcher ist. Niemand schaut es bewusst an. Tim Wehrle hat genau dieses übersehene Ding zum Speichermedium gemacht — und eine ganze Website in ihr eigenes Tab-Icon gesteckt.

Der Trick ist hübsch simpel, wenn man ihn einmal sieht. Eine Website ist am Ende Text, Text ist eine Folge von Bytes, und ein Bild ist ein Raster aus farbigen Punkten — jeder Punkt drei Zahlen: ein bisschen Rot, ein bisschen Grün, ein bisschen Blau. Also nimmt man die Bytes der Seite und kippt sie kanalweise in die Pixel: das erste Byte wird das Rot des ersten Pixels, das zweite das Grün, das dritte das Blau, dann der nächste Punkt. Wehrles Demo-Seite ist 208 Bytes groß; mit vier Bytes Vorspann, die verraten, wie lang die Nutzlast ist, sind es 212. Macht 71 Pixel. Sein Favicon ist neun mal neun groß — 81 Pixel, zu 87 Prozent gefüllt. Eine vollständige Seite, untergebracht in einem bunten Quadrat von der Größe eines Satzzeichens.

Zurückgelesen wird sie vom Browser selbst. Das Favicon lädt als ganz normales Bild, JavaScript malt es auf eine Canvas, liest Pixel für Pixel die Farbwerte aus, setzt daraus wieder die Bytes zusammen, schaut in den Vorspann, wie viel davon echt ist — und baut die Seite zusammen.

Ein ehrlicher Haken bleibt: Das Icon allein kann nichts. Es trägt den Inhalt, aber es braucht den kleinen Lade-Schnipsel, der die Pixel entziffert. Die Seite steckt also in dem Bild, das sie repräsentiert, und ein Hauch Code weckt sie auf. Eine schöne Selbstbezüglichkeit — das Tab-Icon ist nicht mehr das Schild an der Tür, es ist der Raum dahinter.

Ob das zu irgendetwas nütze ist? Der Autor beantwortet das selbst, trocken: „Nein, natürlich nicht.“ Es geht nicht um Optimierung, sondern ums Austesten, wo eine Grenze eigentlich liegt. Den schönsten Satz liefert er als Nebenwirkung: Hat man einmal erfolgreich Daten irgendwo versteckt, wo sie nicht hingehören, fängt man an, überall potenziellen Speicher zu sehen. Das ist kein Fehler im Denken, das ist der Tüftler-Blick auf die Welt.

Und ja, ein leiser Punkt steckt doch darin. Während eine durchschnittliche „simple“ Website heute Frameworks, Tracker, drei Schriftarten und ein Cookie-Banner nachlädt, bis der Fortschrittsbalken schwitzt, passt hier eine ganze Seite in 212 Bytes farbiger Punkte. Nutzlos — und genau deshalb erfrischend. Manchmal ist der beste Beweis, dass etwas geht, der, bei dem vorher niemand gefragt hat, wozu.

Quelle: Tim Wehrle — I Stored a Website in a Favicon

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