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Notizen zu Technik, Macht und Souveränität — und dem, was darunter läuft.

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25. Juni 2026

Dein Klo kennt jetzt deine Krebsmarker. Und eine App auch.

Es ist leicht, sich über die smarte Toilette lustig zu machen. Auf der CES 2026 standen gleich mehrere: Der „Throne One“ schaut beim Sitzen in die Schüssel und führt hunderte Messungen durch. Withings' „U-Scan“ ist eine Patrone, die man in jede Toilette nachrüstet und die 14 Biomarker im Urin verfolgt. Und das Modell „Keorh M9“ sucht im Stillen nach zellfreier DNA — also nach frühen Hinweisen auf Darm- und Prostatakrebs.

Der erste Reflex ist der Witz: Jetzt vermisst dich auch dein Klo. Aber der Reflex führt in die Irre, und zwar in beide Richtungen.

Denn das ist keine Spielerei. Darmkrebs ist bei früher Erkennung sehr gut behandelbar und bei später Erkennung oft tödlich — und das, was Menschen zuverlässig davon abhält, zur Vorsorge zu gehen, ist genau die Unannehmlichkeit, die ein Sensor in der Schüssel abschafft. Ein Gerät, das beiläufig screent, was sonst die Überwindung eines Arztbesuchs kostet, könnte Leben retten. Das ist die ernste Hälfte, und sie ist echt.

Genau deshalb ist die andere Hälfte kein Klamauk. Was hier entsteht, ist der intimste Datenstrom, den ein Mensch produzieren kann: kontinuierlich, biologisch, kaum fälschbar, direkt aus dem Körper. Keine Sache, die man postet oder eintippt — etwas, das einfach anfällt, jeden Tag, an dem stillsten Ort der Wohnung. Und es fließt, wie alles heute, in eine App. In einen Server. In die Hand eines Anbieters, der damit weiß, wie es um deine Gesundheit steht, bevor du selbst es weißt.

Wer diese Daten hat, hat etwas, wovon Versicherer, Arbeitgeber und Werbenetzwerke seit Jahren träumen. Ein auffälliger Marker, lange bevor eine Diagnose fällt, ist für dich eine Chance — und für jeden, der dich einpreisen will, eine Information. Die Frage ist nicht, ob das Gerät funktioniert. Es funktioniert. Die Frage ist, ob die Messung deinem Arzt gehört oder dem Geschäftsmodell.

Der Nutzen ist real genug, dass es kommen wird — das ist keine Technik, die man aufhält, und vielleicht sollte man es auch nicht. Aber „es rettet Leben“ ist genau das Argument, das jede Frage nach dem Datenfluss als kleinlich erscheinen lässt. Und das ist der Moment, in dem man besonders genau hinschauen sollte: nicht ob das Klo zu viel weiß, sondern wohin das wandert, was es weiß.

Quelle: TechAdvisory — CES 2026: Health tech is watching what you eat, feel, and even flush

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20. Juni 2026

Dein Gesicht, jetzt durchsuchbar

„Öffentlich zugänglich“ klingt nach einem harmlosen Wort. Es ist ja schon öffentlich. Dobrindts Sicherheitspaket, dessen drei Gesetzentwürfe das Kabinett Ende April beschlossen hat, macht daraus etwas anderes: BKA und Bundespolizei sollen öffentlich zugängliche Fotos aus dem Internet per Gesichtserkennung gegen Fahndungsbilder abgleichen dürfen.

Das ist nicht dasselbe wie „steht ja eh im Netz“. Dein Selfie, das Gruppenfoto vom Vereinsfest, der Schnappschuss, auf dem du zufällig im Hintergrund stehst — alles wird zum biometrischen Suchschlüssel. „Öffentlich einsehbar“ und „per Gesicht jederzeit auffindbar“ sind zwei verschiedene Dinge. Aus einem Bild, das man sehen kann, wird ein Gesicht, das man finden kann — samt Aufenthaltsort.

Und es trifft nicht die, an die man bei „Fahndung“ denkt. Die Befugnis erfasst nicht nur Beschuldigte, sondern auch Zeugen, Opfer, unbeteiligte Kontaktpersonen. Verdächtig zu sein ist keine Voraussetzung mehr, um in der Abfrage zu landen — es reicht, ein Gesicht zu haben, das irgendwo im Netz auftaucht.

Dazu kommt eine automatisierte Datenanalyse, die zusammenführt, was bisher getrennt lag: Standortdaten, Fingerabdrücke, DNA, abgehörte Kommunikation, Metadaten, Polizeiakten. Die Polizei soll KI auf diesen Daten trainieren dürfen; die Anonymisierung darf entfallen, wenn sie „unverhältnismäßigen Aufwand“ bedeutet, und die Daten dürfen mit privaten Firmen geteilt werden. Das Werkzeug, das für solche Analysen im Raum steht und das das Innenministerium prüft, ist Palantir — die Software des US-Konzerns von Peter Thiel. Das Rückgrat der deutschen Datenpolizei käme dann aus einem fremden Rechenzentrum. Auch das ist eine Frage der Souveränität, und es ist dieselbe, die hier schon öfter stand.

Beschlossen ist nichts davon — das Kabinett hat zugestimmt, der Bundestag noch nicht. Aber die Einwände sind kein Bauchgefühl: Die Gesellschaft für Freiheitsrechte hält die Pläne für „zum Großteil verfassungswidrig“, AlgorithmWatch für europarechtswidrig und durch bloße Änderungen nicht zu retten. Es geht um den Verlust der Anonymität im öffentlichen Raum, um das Profiling Unbeteiligter, um Fehltreffer, um das Fehlen einer Beschränkung auf schwere Straftaten.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist die Sprache. „Öffentlich zugänglich“, „Sicherheitspaket“ — Wörter, die nahelegen, es ändere sich nichts: ist ja schon offen, ist ja für die Sicherheit. Was sich ändert, ist die Kategorie. Vom Bild, das man sehen kann, zum Gesicht, das man finden kann. Wer das nächste Mal „öffentlich zugänglich“ liest, darf fragen: zugänglich für wen — und womit durchsuchbar?

Quelle: netzpolitik.org — FAQ: Das Überwachungspaket der Bundesregierung

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19. Juni 2026

Die Chatkontrolle stirbt nicht, sie wird freiwillig

Am 29. Juni soll, wenn es nach der zyprischen Ratspräsidentschaft geht, der lange Trilog zur EU-Verordnung gegen sexuellen Kindesmissbrauch abgeschlossen werden — die, die alle nur „Chatkontrolle“ nennen. Die Präsidentschaft endet am 30. Juni; man will vorher fertig werden. Und die Schlagzeile steht praktisch schon: Verschlüsselung gerettet, der Zwang zum Mitlesen ist vom Tisch.

Das ist nicht einmal falsch. Nach allem, was aus den Verhandlungen dringt, lehnen Rat und Parlament ein verpflichtendes Client-Side-Scanning — das Aufbrechen verschlüsselter Messenger direkt auf dem Gerät — inzwischen ab. Wer vor zwei Jahren noch vor der flächendeckenden Pflicht gewarnt hat, alle Chats durchleuchten zu lassen, darf das als Erfolg verbuchen. Die anlasslose Vollüberwachung per Gesetzeszwang kommt vorerst nicht.

Nur: Abgeschafft wird die Überwachung damit nicht. Sie wird umetikettiert. Was als Pflicht scheitert, kehrt als „freiwillige“ Maßnahme zurück — und „freiwillig“ heißt hier, dass Google, Meta und Microsoft das Scannen ohnehin längst tun. Die befristete Ausnahmeregelung dafür ist am 3. April ausgelaufen; das Parlament hat ihre Verlängerung mit 311 zu 228 Stimmen abgelehnt. Die Konzerne haben angekündigt, trotzdem weiterzuscannen. Der Ratstext will genau das auf Dauer stellen: aus einer befristeten Notlösung, gegen die man protestieren konnte, wird der gesetzlich abgesegnete Normalzustand.

Das ist der eigentliche Kunstgriff. Eine Pflicht hat Gegner, Fristen, einen Aufschrei. Ein „freiwilliges“ Dauerangebot hat nichts davon. Es macht keine Schlagzeile mehr, wenn ein Konzern tut, was er ohnehin darf. Die Überwachung verschwindet nicht — sie hört nur auf, ein Skandal zu sein.

Und sie kommt nicht mit leeren Händen. Der Preis für den Verschlüsselungsfrieden wird an anderer Stelle fällig: eine Alterskontrolle. Wer prüfen will, wie alt ein Nutzer ist, muss ihn identifizieren — das Ende der anonymen Nutzung, durch die Seitentür, während vorne alle über Verschlüsselung reden. Ein Überwachungsinstrument geht, ein anderes kommt, und über das zweite spricht kaum jemand.

Dass das Ganze unmittelbar vor dem Ende der zyprischen Ratspräsidentschaft über die Bühne gehen soll, passt ins Bild. Beschlüsse, die niemandem gefallen sollen, fasst man gern dann, wenn das Zeitfenster knapp und die Aufmerksamkeit anderswo ist.

Nichts davon ist beschlossen, solange der Trilog läuft; der Text vom 29. Juni liegt noch nicht vor, und Verhandlungen kippen. Der Punkt ist nicht die Panik. Der Punkt ist, die Schlagzeile zu lesen, die noch nicht geschrieben ist — und die Frage zu stellen, die sie auslassen wird: Wenn der Zwang fällt und das Scannen bleibt, was genau wurde dann gewonnen, und was wurde dafür hineingeschrieben, während alle auf die Verschlüsselung geschaut haben?

Quelle: netzpolitik.org — Trilog zur Chatkontrolle

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