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Notizen zu Technik, Macht und Souveränität — und dem, was darunter läuft.

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22. Juni 2026

Warum beschlägt das immer noch?

Heute, bei dieser Hitze, ist mir die Frage mal wieder gekommen. Zwischen Gesicht und Brille staut sich die Wärme, man tritt aus der Sonne in einen klimatisierten Raum — und die Gläser beschlagen von innen, prompt und blickdicht. Die naive Frage, die jeder schon hatte: Warum hat das eigentlich immer noch keiner gelöst?

Die kurze Antwort: hat man doch — nur nicht ganz. Und das „nicht ganz“ ist die eigentlich interessante Geschichte.

Beschlag ist simple Physik. Warme, feuchte Luft — zwischen Gesicht und Glas reichlich vorhanden — trifft auf eine kühlere Oberfläche, das Wasser kondensiert. Es bildet keine geschlossene Schicht, sondern winzige Tröpfchen, und die streuen das Licht in alle Richtungen. Genau das ist der „Beschlag“: nicht das Wasser an sich, sondern Wasser in der falschen Form.

Die Lösung liegt deshalb nicht im Trocknen, sondern in der Form. Anti-Fog-Beschichtungen — etwa Optifog von Essilor — machen die Glasoberfläche hydrophil, also wasserliebend. Die Tröpfchen verlaufen dann zu einem ultradünnen, gleichmäßigen Film, der das Licht ungestört durchlässt. Aus „beschlagen“ wird „nass, aber klar“. Klingt nach gelöstem Problem.

Nur hält der Effekt nicht. Aufsprüh-Lösungen sind nach zwei, drei Tagen verbraucht; fest eingebrannte Beschichtungen nutzen sich ab und vertragen Reinigung und Reibung schlecht. Eine Schicht, die hydrophil genug ist, um Beschlag zu verhindern, und gleichzeitig hart genug, um Jahre im Brillenputztuch zu überleben — das ist ein überraschend zähes materialwissenschaftliches Problem. Hydrophil und robust ziehen in verschiedene Richtungen.

Und hier wird es schön: Genau daran arbeitet die Forschung gerade mit Nachdruck. Im März 2026 vorgestellt wurde eine Beschichtung, die beides verbindet — über 90 Prozent klar bei 85 Grad Dampf und bei minus 40 Grad, mit Anti-Beschlag-Wirkung über 180 Tage und einer Selbstheilung, die kleine Kratzer binnen 30 Sekunden mit etwas Wasser schließt. Ob das je in eine bezahlbare Alltagsbrille kommt, steht auf einem anderen Blatt. Aber die Richtung stimmt.

Was ich daran mag: Die dümmste Alltagsfrage — warum beschlägt das Ding? — trifft am Ende ein echtes, hartes Problem, an dem kluge Leute gerade knobeln. Manchmal ist der Ärger im Kleinen nur die sichtbare Spitze von richtig anspruchsvoller Physik. Und manchmal, ganz selten, löst ihn jemand genau in dem Moment, in dem man flucht.

Quelle: Lubricants (MDPI) — selbstheilende, dauerhafte Anti-Fog-Beschichtung, März 2026

Werkstatt


20. Juni 2026

Eine Website in 81 Pixeln

„Favicon“ ist so ein Wort, das man nur kennt, wenn es fehlt. Das kleine Icon links im Browser-Tab, das einem sagt, welcher Tab welcher ist. Niemand schaut es bewusst an. Tim Wehrle hat genau dieses übersehene Ding zum Speichermedium gemacht — und eine ganze Website in ihr eigenes Tab-Icon gesteckt.

Der Trick ist hübsch simpel, wenn man ihn einmal sieht. Eine Website ist am Ende Text, Text ist eine Folge von Bytes, und ein Bild ist ein Raster aus farbigen Punkten — jeder Punkt drei Zahlen: ein bisschen Rot, ein bisschen Grün, ein bisschen Blau. Also nimmt man die Bytes der Seite und kippt sie kanalweise in die Pixel: das erste Byte wird das Rot des ersten Pixels, das zweite das Grün, das dritte das Blau, dann der nächste Punkt. Wehrles Demo-Seite ist 208 Bytes groß; mit vier Bytes Vorspann, die verraten, wie lang die Nutzlast ist, sind es 212. Macht 71 Pixel. Sein Favicon ist neun mal neun groß — 81 Pixel, zu 87 Prozent gefüllt. Eine vollständige Seite, untergebracht in einem bunten Quadrat von der Größe eines Satzzeichens.

Zurückgelesen wird sie vom Browser selbst. Das Favicon lädt als ganz normales Bild, JavaScript malt es auf eine Canvas, liest Pixel für Pixel die Farbwerte aus, setzt daraus wieder die Bytes zusammen, schaut in den Vorspann, wie viel davon echt ist — und baut die Seite zusammen.

Ein ehrlicher Haken bleibt: Das Icon allein kann nichts. Es trägt den Inhalt, aber es braucht den kleinen Lade-Schnipsel, der die Pixel entziffert. Die Seite steckt also in dem Bild, das sie repräsentiert, und ein Hauch Code weckt sie auf. Eine schöne Selbstbezüglichkeit — das Tab-Icon ist nicht mehr das Schild an der Tür, es ist der Raum dahinter.

Ob das zu irgendetwas nütze ist? Der Autor beantwortet das selbst, trocken: „Nein, natürlich nicht.“ Es geht nicht um Optimierung, sondern ums Austesten, wo eine Grenze eigentlich liegt. Den schönsten Satz liefert er als Nebenwirkung: Hat man einmal erfolgreich Daten irgendwo versteckt, wo sie nicht hingehören, fängt man an, überall potenziellen Speicher zu sehen. Das ist kein Fehler im Denken, das ist der Tüftler-Blick auf die Welt.

Und ja, ein leiser Punkt steckt doch darin. Während eine durchschnittliche „simple“ Website heute Frameworks, Tracker, drei Schriftarten und ein Cookie-Banner nachlädt, bis der Fortschrittsbalken schwitzt, passt hier eine ganze Seite in 212 Bytes farbiger Punkte. Nutzlos — und genau deshalb erfrischend. Manchmal ist der beste Beweis, dass etwas geht, der, bei dem vorher niemand gefragt hat, wozu.

Quelle: Tim Wehrle — I Stored a Website in a Favicon

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