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21. August 2026
Im ersten Teil habe ich beschrieben, wie ich meine Platten nach alten
Schulungsunterlagen durchsucht habe und dabei vor allem gelernt habe, wie wenig
ich über den eigenen Bestand weiß. Der nächste Schritt war naheliegend: nicht
mehr nur auf die Dateinamen schauen, sondern in die Dateien hineinsehen.
Ausgelesen wurden 12.565 Dokumente aus den Jahren 1996 bis 2018. Word, Excel,
PowerPoint, PDF, die alten Binärformate genauso wie die neuen. Zusammen ergaben
sie 63,7 Millionen Zeichen Text, und der Durchlauf dauerte zwanzig Minuten auf
eigener Hardware. Dann kam die Zahl, die mich umgehauen hat.
Von den 12.565 Dokumenten waren nur 4.256 inhaltlich verschieden.
Der Rest, also 8.309 Dateien, war Dublette. Nicht ähnlich, sondern
zeichengenau identisch im Text. Zwei Drittel meines Dokumentenarchivs bestehen
aus Kopien von sich selbst.
Wie das passiert
Wie legt man sich achttausend Kopien zu, ohne es zu merken? Absichtlich tut das niemand. Das entsteht nebenbei, und zwar
auf immer dieselbe Weise. Ein Rechner wird ersetzt, und die alte Platte kommt
als Ordner Sicherung_alte_Platte auf die neue. Ein Telefon wird gewechselt,
und das Sicherungsprogramm legt alles noch einmal ab. Eine Freigabe wird
umgezogen, und man behält vorsichtshalber beides.
Bei mir heißen die Ordner Baerchen_Umzug_Lenovo, X1_Datensicherung,
gerettet_wd, desktop_park. Jeder einzelne war zum Zeitpunkt seiner
Entstehung eine vernünftige Entscheidung. In Summe sind sie ein Archiv, das sich
selbst dreifach erzählt.
Und dann gibt es noch die 1.193 Dokumente, die beim Auslesen weniger als vierzig
Zeichen hergaben. Das sind Scans ohne Textebene, also Bilder von Papier. Sie
liegen da, sie sind gesichert, sie sind sogar auffindbar. Nur lesen kann sie
niemand außer mir, und auch ich nur, wenn ich sie öffne und hinsehe.
Warum das mehr ist als ein Aufräumproblem
Man könnte sagen: Speicher kostet nichts, also sollen die Kopien liegenbleiben.
Das stimmt sogar, solange man nur an den Platz denkt.
Es kostet aber etwas anderes. Wer eine Datei sucht und acht Treffer bekommt,
muß entscheiden, welcher der richtige ist. Bei zwei Fassungen geht das noch. Bei
acht schaut man in die erste, findet ungefähr das Gesuchte und hört auf zu
suchen. Genau dort entstehen die Fehler, die später niemand mehr erklären kann:
Man hat mit einem Stand gearbeitet, den es in drei Versionen gab, und nicht
gemerkt, welche man erwischt hat.
Redundanz fühlt sich nach Sicherheit an. Tatsächlich ist sie das Gegenteil,
sobald niemand mehr sagen kann, welche Kopie die maßgebliche ist. Eine Datei,
die man findet, ist ein Fund. Acht Dateien, die man findet, sind eine Aufgabe.
Was ich daraus mache
Gelöscht habe ich nichts. Das ist mir wichtig, und zwar aus einem einfachen
Grund: Eine Dublette zu erkennen ist billig, sie zu löschen ist unumkehrbar. Was
entstanden ist, ist ein Verzeichnis, das zu jedem Text sagt, wo er zuerst
auftauchte und in welchen Kopien er sonst noch liegt.
Damit ist wenigstens die Frage beantwortet, welche Fassung die erste war. Das
genügt mir fürs Erste. Ob ich die anderen achttausend je wieder anfasse?
Vermutlich nie.
Im nächsten Teil geht es um ein einzelnes Archiv von 243 Gigabyte, das ich
geöffnet habe in der Erwartung, endlich die vermißten Unterlagen zu finden.
Gefunden habe ich etwas ganz anderes.
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14. August 2026
Es fing harmlos an, denn gesucht hatte ich nur alte Schulungsunterlagen aus
meiner eigenen Feder, geschrieben zwischen 1998 und 2015: SAP, CAD, Geoinformationssysteme, ein paar
Sachen für Verlage. Die müßten doch irgendwo auf einer meiner Platten liegen, dachte ich.
Also ließ ich systematisch suchen, erst auf dem Rechner, wo 66.644 Ordner mit 33.772
Dokumenten stehen, dann auf der Synology, dann auf der externen Platte. Am Ende
stand da eine Zahl, die mich seither mehr beschäftigt als das Suchergebnis
selbst.
Zwölf Terabyte. Neun auf der Synology, drei auf der externen Platte, dazu
anderthalb Terabyte verschlüsselte Rechnersicherung. Tatsächlich gelesen, also
den Inhalt zur Kenntnis genommen, hatte ich davon zwei Gigabyte. Ein
Sechstausendstel.
Ist das Nachlässigkeit? Ich glaube eher, daß es der ganz gewöhnliche
Normalzustand von jedem ist, der lange genug Rechner benutzt.
Wonach man sucht, wenn man nicht weiß, was man hat
Der erste Durchgang lief über Dateinamen, und das trägt erstaunlich weit: Wer
seine Ordner ordentlich benennt, findet fast alles wieder. Die Frage ist nur, ob
man das getan hat.
Teilweise schon. Auf der Synology lag ein Ordner namens Sardu_Schulungszeuch,
und darin tatsächlich das Schulungsarchiv: 4.102 Dateien von 1996 bis 2014.
Excel 97 bis 2010, Word, PowerPoint, MS Project, InDesign. Der größte Block war
nicht Bedienung, sondern Automatisierung, nämlich 1.364 Dateien VBA. Fünfzehn
Jahre lang habe ich Sachbearbeitern beigebracht, ihre eigene Arbeit
wegzurationalisieren. Darüber schreibe ich ein andermal.
Im selben Ordner lag noch etwas anderes: ein Multiboot-Stick mit zwanzig
Systemen. KNOPPIX, Clonezilla, GParted, Parted Magic, acht Rettungsscheiben von
Virenscanner-Herstellern, dazu Werkzeuge zum Zurücksetzen von
Windows-Kennwörtern. Alles das lag neben den Excel-Übungsdateien auf ein und demselben Stick.
So sah das damals aus. Man fuhr zum Kunden, um Tabellenkalkulation zu
unterrichten, und hatte im Rucksack alles dabei, um notfalls die halbe Firma
wiederherzustellen.
Was der Dateiname nicht verrät
Der Haken am Namensdurchgang ist offensichtlich: Er findet nur, was jemand
richtig benannt hat. Eine Schulungsunterlage namens Praesentation1.ppt rutscht
durch. Und was passiert, wenn man stattdessen nach Stichworten sucht, war die
zweite Lehrstunde des Tages.
Die Suche meldete 322 Treffer für SAP, und ich war kurz begeistert. Dann schaute
ich hinein. Der Treffer stand jedesmal in whatsapp. Sämtliche Treffer für
„Messe" kamen aus messenger, die für CAD aus einer Datei namens arcade.js,
die für CCC aus Prüfsummen. Von den dreihundertzweiundzwanzig Treffern blieb am Ende praktisch nichts übrig.
Das ist die unangenehme Eigenschaft der Volltextsuche: Sie findet immer etwas.
Ob es das Gesuchte ist, sagt sie nicht dazu.
Wozu das gut sein soll
Das hier ist keine Aufräumgeschichte. Es geht um eine Frage, die mich seit Jahren
begleitet: Was macht es mit einem Menschen, wenn er alles aufhebt und nichts mehr
weiß?
Wir haben in zwanzig Jahren gelernt, nichts mehr wegzuwerfen, weil Speicher
billiger wurde als Entscheiden. Das Ergebnis liegt jetzt auf drei Geräten in
meiner Wohnung, und ich kann es Ihnen nicht beschreiben, ohne es vorher messen
zu lassen.
In den nächsten Teilen wird es konkreter. Zwei Drittel meines Dokumentenarchivs
sind Kopien. Ein Archiv von 243 Gigabyte enthielt fast keine Dokumente. Und die
Frage, mit der alles anfing, beantwortete am Ende ein einziges Dokument, das ich
selbst geschrieben hatte, ohne mich daran zu erinnern.
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10. August 2026
In eigener Sache, ausnahmsweise. Am Donnerstag um Mitternacht ist auf den üblichen Plattformen eine EP erschienen: „Senti la notte", sechs Tracks, fünf Sprachfassungen desselben Stücks plus eine Instrumentalversion, unter dem Namen AXIOM Klangwerk. Dazu ein Musikvideo auf YouTube, dreieinhalb Minuten, Kathedrale bei Nacht. Das hier ist kein Werbetext — wer reinhören will, findet die Links und kann sich sein Urteil selbst bilden. Das hier ist der Teil, der auf diesen Blog gehört: wie so etwas entsteht, wenn kein Studio, kein Label und kein Kamerateam beteiligt sind, sondern ein Rechner im eigenen Haus.
Die Musik ist auf einer Grafikkarte entstanden, die in einem Server im Keller steckt. Das Modell heißt ACE-Step, läuft lokal und erzeugt aus einer Textbeschreibung und einem Songtext ein fertiges Arrangement — Gesang inklusive. Was danach kommt, ist klassisches Handwerk in unklassischer Besetzung: Stems trennen, Pegel glätten, ein Mastering-Werkzeug, das aus ffmpeg-Bausteinen zusammengesetzt ist, und ein Qualitäts-Gate, das jeden Kandidaten objektiv vermisst, bevor ein Mensch ihn überhaupt zu hören bekommt. Von den vielen Fassungen, die die Maschine erzeugt, überleben die wenigsten diese Strecke. Die Auswahl — welcher Take, welche Stimme, welche Sprachfassung das Original wird — bleibt eine menschliche Entscheidung, und sie fühlt sich exakt so an wie früher am Mischpult: Man hört zwanzig Varianten und weiß bei der einundzwanzigsten, daß es die ist.
Der Vollständigkeit halber, weil dieser Blog sonst bei anderen genau das anmahnt: Nicht alles kam aus dem eigenen Keller. Die Videoclips — die Kathedrale, die Prozession, der Wanderer im Regen — stammen aus einem externen Videomodell, bezahlt pro Sekunde, mit hartem Kostendeckel im aufrufenden Skript. Schnitt, Typografie und die Loop-Fassungen liefen dann wieder lokal. Und der Vertrieb geht über einen Dienstleister, der die EP gegen eine Jahresgebühr zu Spotify, Apple und den übrigen Plattformen trägt. Wer behauptet, er habe eine Veröffentlichung „komplett souverän" gestemmt, hat entweder ein Presswerk im Wohnzimmer oder ein großzügiges Verhältnis zur Wahrheit. Die richtige Beschreibung ist eine andere: Die wertschöpfenden Schritte — Komposition, Klang, Auswahl, Endkontrolle — finden auf eigener Hardware statt und bleiben dort. Extern ist, was austauschbar ist.
Warum das hierher gehört: Vor zwei Jahren hätte diese EP ein Studio gebraucht, Session-Musiker für fünf Sprachen, einen Mastering-Ingenieur und ein Video-Budget in fünfstelliger Höhe. Jetzt braucht sie eine Grafikkarte, Geduld und die Bereitschaft, sehr viel Ausschuß anzuhören. Man kann das als Verarmung lesen oder als Verschiebung — ich lese es als das, was dieser Blog sonst an Daten durchdekliniert: Die Produktionsmittel sind dahin gewandert, wo sie kontrollierbar sind. Eine Musikproduktion, die auf dem eigenen Server läuft, ruft kein Nutzungsprotokoll nach Hause, verliert ihre Rohdaten nicht an die Plattform und ist nicht kündbar. Das gilt für Musik wie für alles andere, was hier sonst Thema ist.
Und weil ein Werkstattbericht ohne offene Baustelle keiner wäre: Der nächste Schritt geht in die Gegenrichtung. Hier stehen ein E-Piano und ein Mikrofon, und aus einem Wochenende in Erfurt ist Filmmaterial mitgekommen, das kein Modell erzeugt hat — darunter eine holzgeschnitzte Christusfigur, die einem nicht mehr aus dem Kopf geht, wenn man sie einmal aus der Nähe gesehen hat. Beim nächsten Video dreht sich das Verhältnis also um: echtes Bild, eigene Aufnahme, und die Maschine darf zuarbeiten statt vorzulegen. Ob das besser wird, weiß ich nicht. Aber es wird nachprüfbar meins.
Quelle: AXIOM Klangwerk — Senti la notte (EP)
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18. Juli 2026
Ergebnis vorweg, damit niemand bis zum Schluss lesen muss: Es passt nicht. Nicht knapp, nicht mit Tricks, nicht wenn ich die Platte leerräume. Das Modell mit den vorbildlich offenen Gewichten, um das es in dieser Reihe geht, läuft auf meinem Server nicht — und mein Server ist nicht der Laptop vom Küchentisch.
Was hier steht: zwei NVIDIA L40S mit je 46 Gigabyte Videospeicher, zusammen also 92. Dazu 125 Gigabyte Arbeitsspeicher und eine Terabyte-Platte, von der aktuell 167 Gigabyte frei sind. Darauf laufen ein Llama mit 70 Milliarden Parametern, ein Qwen mit 32, ein destilliertes R1, dazu Embeddings und ein Bildmodell — alles gleichzeitig, alles im Haus, nichts davon geht raus. Für so ziemlich alles, was hier täglich anfällt, reicht das. Diese Maschine ist der Grund, warum ich bei „Souveränität“ nicht bloß mitreden, sondern nachsehen kann.
Jetzt der Abgleich. Ich habe nicht 1,9 Terabyte heruntergeladen, um zu beweisen, dass sie nicht draufpassen — ich habe die Dateiliste bei Hugging Face abgefragt. Sie ist eindeutig: 119 Dateien, davon 108 Shards jenseits eines Gigabytes, zusammen 1.904,8 Gigabyte. Der Download allein ist also elfmal größer als mein freier Plattenplatz. Selbst wenn ich die Platte komplett leerfege — 933 Gigabyte —, fehlt immer noch die Hälfte. Ich könnte dieses Modell nicht speichern. Vom Starten reden wir da noch gar nicht.
Fürs Starten nennt der Hersteller zwei Wege, und beide führen an mir vorbei. Die volle Fassung will 2 Terabyte Videospeicher; das ist Rechenzentrum, darüber muss man nicht diskutieren. Interessanter ist die quantisierte Variante, die den Bedarf auf 600 Gigabyte drückt — immer noch das Sechseinhalbfache dessen, was ich habe, aber wenigstens dieselbe Größenordnung wie ein gut bestückter Serverschrank. Und hier steckt das Detail, das mich beim Nachlesen wirklich aufgeweckt hat: Dieses Format setzt Nvidias Blackwell-Generation voraus. Meine L40S sind Ada Lovelace. Ich könnte mir also nicht einfach mehr davon kaufen und das Problem mit Geld zuschütten — es wäre die falsche Generation. Die Offenheit dieses Modells ist an eine Hardware-Roadmap gekettet, über die weder der Hersteller des Modells noch ich entscheiden.
Bleiben die Notfassungen aus der Bastelszene, die das Ding brutal zusammenquetschen: rund 270 Gigabyte bei einem Bit pro Gewicht, 317 bei zwei. Das ist die Stelle, an der ich am längsten gerechnet habe, weil es fast gegangen wäre. Fast. Videospeicher und Arbeitsspeicher zusammengenommen komme ich auf 217 Gigabyte. Die schonungsloseste Quetschung, die jemand für dieses Modell gebaut hat, liegt 53 Gigabyte darüber. Um ein Modell zu betreiben, das für Rechenzentren gedacht ist, auf einem Sechstel der Hardware, zerstört bis zu einem Bit pro Gewicht — und es reicht immer noch nicht.
Was lernt man daraus? Nicht, dass die Veröffentlichung wertlos wäre. Apache 2.0 auf 975 Milliarden Parameter ist ein echtes Geschenk, und es geht an Leute, die es brauchen: Forschungsgruppen, Firmen mit Serverschrank, die Anbieter, die es ab morgen hosten. Aber die Erzählung, offene Gewichte machten uns unabhängig von den Konzernen, hält dem Blick auf die Rechnung nicht stand. Ich darf dieses Modell besitzen, verkaufen, zerlegen, weitertrainieren — alles, was die Lizenz verspricht. Ich kann es nur nicht anfassen. Ein Recht, das man mangels Kapital nicht ausüben kann, ist juristisch ein Recht und praktisch ein Prospekt.
Die Grenze verläuft eben nicht zwischen offen und geschlossen. Sie verläuft zwischen denen, die ein Rechenzentrum haben, und allen anderen. Und sie ist in den letzten drei Jahren nicht durchlässiger geworden, sondern teurer. Wer mich fragt, was er selbst betreiben soll, bekommt darum weiter dieselbe Antwort wie vor dieser Recherche: das Llama mit 70 Milliarden, das hier seit Monaten seine Arbeit tut, ohne dass je ein Datensatz das Haus verlassen hat. Nicht weil es das beste Modell der Welt wäre. Sondern weil es das beste Modell ist, das mir tatsächlich gehört.
Womit die Frage im Raum steht, die morgen den Schlusspunkt dieser Reihe macht: Wenn Offenheit Hardware voraussetzt, die nur Konzerne haben — wem gehört dann eigentlich das Wissen?
Quelle: Eigene Messung auf VM106; Hugging-Face-API thinkingmachines/Inkling
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11. Juli 2026
Als hier Ende Juni der Beitrag über den 0-Day-Massendrop stand, gab es eine persönliche Fußnote: Unter den frisch gemeldeten Lücken war eine in Gitea, und weil ich selbst eine Gitea-Instanz betreibe, habe ich noch am selben Abend geprüft und gehärtet. Jetzt liefert die Geschichte ihren zweiten Akt, und der ist ein Lehrstück in Echtzeit.
Die Lücke, CVE-2026-20896, ist von der unangenehmen Sorte: CVSS 9.8, und der Angriff ist beleidigend simpel. Die offiziellen Docker-Images vor Version 1.26.3 nehmen den Header X-WEBAUTH-USER von jeder beliebigen Quell-IP entgegen — ein Mechanismus, der eigentlich für vorgeschaltete Auth-Proxys gedacht ist und dem nur der Proxy schreiben dürfte. Fehlt die Absicherung, genügt ein einziger HTTP-Header, um sich als beliebiger existierender Nutzer auszugeben. Kein Passwort, kein Token, kein Exploit-Kit: ein Header. Dahinter liegt dann alles, wofür man eine Code-Schmiede betreibt — private Repositories, versehentlich committete API-Schlüssel, CI/CD-Konfiguration, Deploy-Keys.
Seit dieser Woche ist das kein theoretisches Risiko mehr: Sysdig hat die ersten Angriffe in freier Wildbahn gemessen, dreizehn Tage nach der Veröffentlichung des Advisories, Ausgangspunkt ein VPN-Exit-Node. Rund 6.200 Gitea-Instanzen sind offen aus dem Internet erreichbar; wie viele davon verwundbar sind, weiß niemand genau — die Angreifer sind gerade dabei, es herauszufinden. Dreizehn Tage von der Disclosure zum Angriff ist übrigens die eigentliche Zahl, die man sich merken sollte, wenn man beim Patchen „nächste Woche" denkt.
Zum Werkstatt-Teil, denn der ist der Grund für diesen Beitrag. Meine Instanz war nach außen nicht erreichbar — dachte ich. Geglaubt habe ich es aber erst, nachdem ich es von außen probiert hatte: Verbindungsversuch von einer fremden Adresse, Ergebnis „connection refused", erst das zählt. Eine Firewall-Regel, die man im Config-File liest, ist eine Absichtserklärung; ein abgewiesener Verbindungsversuch ist ein Befund. Zusätzlich habe ich den Dienst, der vorher brav auf allen Interfaces lauschte, an die interne Adresse gebunden — dass etwas hinter NAT liegt, ist kein Grund, es breitbeinig dastehen zu lassen. Und diese Woche folgte der letzte Schritt, das Update auf die abgesicherte Version, mit Datenbank-Dump vorweg, denn ein Upgrade ohne Backup ist nur ein Absturz mit Anlauf.
Falls Sie selbst Gitea oder Forgejo im Docker betreiben: Version prüfen, vor 1.26.3 sofort aktualisieren, und danach von außen testen, was von außen geht — nicht in der Config nachlesen, was gehen sollte. Die Angreifer machen gerade genau diesen Test, flächendeckend. Es ist besser, man kommt ihnen zuvor. Der Wettlauf läuft seit dreizehn Tagen.
Quelle: SecurityWeek — Critical Gitea Flaw Under Active Exploitation; Sysdig
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22. Juni 2026
Heute, bei dieser Hitze, ist mir die Frage mal wieder gekommen. Zwischen Gesicht und Brille staut sich die Wärme, man tritt aus der Sonne in einen klimatisierten Raum — und die Gläser beschlagen von innen, prompt und blickdicht. Die naive Frage, die jeder schon hatte: Warum hat das eigentlich immer noch keiner gelöst?
Die kurze Antwort: hat man doch — nur nicht ganz. Und das „nicht ganz“ ist die eigentlich interessante Geschichte.
Beschlag ist simple Physik. Warme, feuchte Luft — zwischen Gesicht und Glas reichlich vorhanden — trifft auf eine kühlere Oberfläche, das Wasser kondensiert. Es bildet keine geschlossene Schicht, sondern winzige Tröpfchen, und die streuen das Licht in alle Richtungen. Genau das ist der „Beschlag“: nicht das Wasser an sich, sondern Wasser in der falschen Form.
Die Lösung liegt deshalb nicht im Trocknen, sondern in der Form. Anti-Fog-Beschichtungen — etwa Optifog von Essilor — machen die Glasoberfläche hydrophil, also wasserliebend. Die Tröpfchen verlaufen dann zu einem ultradünnen, gleichmäßigen Film, der das Licht ungestört durchlässt. Aus „beschlagen“ wird „nass, aber klar“. Klingt nach gelöstem Problem.
Nur hält der Effekt nicht. Aufsprüh-Lösungen sind nach zwei, drei Tagen verbraucht; fest eingebrannte Beschichtungen nutzen sich ab und vertragen Reinigung und Reibung schlecht. Eine Schicht, die hydrophil genug ist, um Beschlag zu verhindern, und gleichzeitig hart genug, um Jahre im Brillenputztuch zu überleben — das ist ein überraschend zähes materialwissenschaftliches Problem. Hydrophil und robust ziehen in verschiedene Richtungen.
Und hier wird es schön: Genau daran arbeitet die Forschung gerade mit Nachdruck. Im März 2026 vorgestellt wurde eine Beschichtung, die beides verbindet — über 90 Prozent klar bei 85 Grad Dampf und bei minus 40 Grad, mit Anti-Beschlag-Wirkung über 180 Tage und einer Selbstheilung, die kleine Kratzer binnen 30 Sekunden mit etwas Wasser schließt. Ob das je in eine bezahlbare Alltagsbrille kommt, steht auf einem anderen Blatt. Aber die Richtung stimmt.
Was ich daran mag: Die dümmste Alltagsfrage — warum beschlägt das Ding? — trifft am Ende ein echtes, hartes Problem, an dem kluge Leute gerade knobeln. Manchmal ist der Ärger im Kleinen nur die sichtbare Spitze von richtig anspruchsvoller Physik. Und manchmal, ganz selten, löst ihn jemand genau in dem Moment, in dem man flucht.
Quelle: Lubricants (MDPI) — selbstheilende, dauerhafte Anti-Fog-Beschichtung, März 2026
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20. Juni 2026
„Favicon“ ist so ein Wort, das man nur kennt, wenn es fehlt. Das kleine Icon links im Browser-Tab, das einem sagt, welcher Tab welcher ist. Niemand schaut es bewusst an. Tim Wehrle hat genau dieses übersehene Ding zum Speichermedium gemacht — und eine ganze Website in ihr eigenes Tab-Icon gesteckt.
Der Trick ist hübsch simpel, wenn man ihn einmal sieht. Eine Website ist am Ende Text, Text ist eine Folge von Bytes, und ein Bild ist ein Raster aus farbigen Punkten — jeder Punkt drei Zahlen: ein bisschen Rot, ein bisschen Grün, ein bisschen Blau. Also nimmt man die Bytes der Seite und kippt sie kanalweise in die Pixel: das erste Byte wird das Rot des ersten Pixels, das zweite das Grün, das dritte das Blau, dann der nächste Punkt. Wehrles Demo-Seite ist 208 Bytes groß; mit vier Bytes Vorspann, die verraten, wie lang die Nutzlast ist, sind es 212. Macht 71 Pixel. Sein Favicon ist neun mal neun groß — 81 Pixel, zu 87 Prozent gefüllt. Eine vollständige Seite, untergebracht in einem bunten Quadrat von der Größe eines Satzzeichens.
Zurückgelesen wird sie vom Browser selbst. Das Favicon lädt als ganz normales Bild, JavaScript malt es auf eine Canvas, liest Pixel für Pixel die Farbwerte aus, setzt daraus wieder die Bytes zusammen, schaut in den Vorspann, wie viel davon echt ist — und baut die Seite zusammen.
Ein ehrlicher Haken bleibt: Das Icon allein kann nichts. Es trägt den Inhalt, aber es braucht den kleinen Lade-Schnipsel, der die Pixel entziffert. Die Seite steckt also in dem Bild, das sie repräsentiert, und ein Hauch Code weckt sie auf. Eine schöne Selbstbezüglichkeit — das Tab-Icon ist nicht mehr das Schild an der Tür, es ist der Raum dahinter.
Ob das zu irgendetwas nütze ist? Der Autor beantwortet das selbst, trocken: „Nein, natürlich nicht.“ Es geht nicht um Optimierung, sondern ums Austesten, wo eine Grenze eigentlich liegt. Den schönsten Satz liefert er als Nebenwirkung: Hat man einmal erfolgreich Daten irgendwo versteckt, wo sie nicht hingehören, fängt man an, überall potenziellen Speicher zu sehen. Das ist kein Fehler im Denken, das ist der Tüftler-Blick auf die Welt.
Und ja, ein leiser Punkt steckt doch darin. Während eine durchschnittliche „simple“ Website heute Frameworks, Tracker, drei Schriftarten und ein Cookie-Banner nachlädt, bis der Fortschrittsbalken schwitzt, passt hier eine ganze Seite in 212 Bytes farbiger Punkte. Nutzlos — und genau deshalb erfrischend. Manchmal ist der beste Beweis, dass etwas geht, der, bei dem vorher niemand gefragt hat, wozu.
Quelle: Tim Wehrle — I Stored a Website in a Favicon
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