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Themen: Souveränität · Datensouveränität · Überwachung & Bürgerrechte · KI & Macht · Security · Recht & Regulierung · Heuchelei & Machtmissbrauch · Werkstatt · Satire

19. Juli 2026

„Wem gehört das Wissen?“

Drei Beiträge lang ging es hier darum, wie das Wort „offen“ gerade weichgekocht wird: ein Modell, dessen Gewichte offen sind und dessen Zutatenliste geheim bleibt, ein Werkzeug, das quelloffen ist, während das Gerät dahinter zubleibt, und ein Praxistest, bei dem die offenen Gewichte an meinem eigenen Server abprallten. Drei Etiketten, drei Bedeutungen. Zum Schluss die Frage, die darunter liegt — und ein überraschender Zeuge.

David Siegel saß in den achtziger Jahren im MIT AI Lab im Büro neben Richard Stallman und stritt zwei Jahre lang mit ihm. Siegel vertrat die damalige Mehrheitsmeinung: Software komme nur voran, wenn Firmen die Kontrolle über ihren Quelltext behalten. Stallman hielt dagegen, Software sei kein Wirtschaftsgut, sondern verdichtetes Wissen — und Wissen in einer Firma wegzusperren heiße, das Wissen selbst wegzusperren. Nach zwei Jahren gab Siegel zu, dass er falsch lag. Stallman schrieb den GCC, es folgte GNU/Linux, und heute läuft das halbe Internet darauf. Das Sicherheitsargument von damals — Systeme müssten geheim bleiben, um sicher zu sein — ist so gründlich verloren gegangen, dass man es kaum noch erklären muss.

Der Mann, der diese Geschichte gerade in Fortune erzählt, ist deshalb bemerkenswert, weil er kein Aktivist ist. Siegel ist Mitgründer von Two Sigma, einem der großen quantitativen Hedgefonds. Sein Vermögen stammt aus Handelsalgorithmen, die zum Geschlossensten gehören, was diese Branche kennt. Wenn ausgerechnet der sagt, dass es bei KI eine offene Option geben muss, ist das kein Lagerdenken. Es ist jemand, der beide Seiten von innen kennt.

Seine Diagnose trifft exakt den Befund aus Teil 1. Was die Firmen heute „open“ nennen, seien Gewichte ohne Herkunft — Siegel nennt sie „magic numbers you can run but cannot explain“: ein Haufen Zahlen, den man ausführen, aber nicht erklären kann, ohne Rechenschaft darüber, wie er zustande kam. Und selbst das sei bloß Entgegenkommen, keine Zusage: Niemand verspricht, das mit dem nächsten, besseren Modell wieder zu tun. Eine Offenheit, die sich jederzeit abschalten lässt, ist eben kein Fundament, sondern ein Gefallen. Genau deshalb will er beides — die offenen Modelle, damit man sie benutzen kann, und den offenen Quelltext, damit man sieht, wie sie entstanden sind.

Der Vorschlag, der daraus folgt, ist unspektakulär und gerade deswegen brauchbar. Erstens: Öffentliche Rechenkapazität für offene Forschung, so wie früher in offene Software investiert wurde. Zweitens: Geld von Firmen und Stiftungen für Universitäten und gemeinnützige Gruppen, die daran arbeiten. Und drittens eine Regel, die so simpel ist, dass man sich fragt, warum sie nicht längst gilt — was mit öffentlichem Geld gebaut wird, ist offen. Standardmäßig. Sein Argument dafür ist historisch, nicht moralisch: Wir haben dieses Experiment schon einmal gemacht und wissen, wie es ausgeht.

Ein Satz von ihm ist mir dabei besonders aufgefallen, weil er die Verzweiflung aus dem gestrigen Werkstattbericht auflöst. Siegel sagt, offene KI müsse den Konzernen gar nicht in die Größe folgen, um nützlich zu sein — das meiste, was die Welt braucht, verlange die absolute Spitze wahrscheinlich nicht. Das ist keine Ausrede. Das ist genau die Erfahrung, die hier auf dem eigenen Server jeden Tag gemacht wird: Das 70-Milliarden-Modell im Nebenzimmer schlägt kein Frontier-Modell in irgendeinem Benchmark, und es erledigt trotzdem die Arbeit. Der Größenwahn ist nicht die Voraussetzung der Nützlichkeit. Er ist die Voraussetzung der Schlagzeile.

Und da schließt sich der Kreis zu Stallman. Sein Punkt war nie, dass freie Software die beste sein müsse. Sein Punkt war, dass man wissen können muss, was auf der eigenen Maschine passiert, und dass niemand ein Recht darauf hat, das Wissen der Allgemeinheit zu privatisieren. Bei Software war das der Quelltext. Bei Modellen sind es die Daten — und die hat bisher niemand herausgerückt, auch nicht die Großzügigen aus Teil 1. Was fehlt, ist nach Siegels Befund kein Weg, sondern der Wille. Man könnte hinzufügen: und eine Öffentlichkeit, die den Unterschied zwischen einem Fundament und einem Gefallen noch bemerkt. Daran wird gerade gearbeitet — von der falschen Seite.

Quelle: David Siegel in Fortune (3. Juli 2026) — I argued with the father of open source for 2 years

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