16. Oktober 2026
Freitag, 9:12 Uhr. Das Monitoring ist grün. Die Kaffeemaschine steht seit drei Wochen im Flur für Risiken, und der Kaffee schmeckt dort besser, seit keiner mehr über ihn redet. Dann steht der Geschäftsführer in der Tür, das Telefon in der Hand.
„Haben Sie gelesen, dass Windows 10 ausläuft?“
„Im Oktober letzten Jahres.“
„Hier steht es heute.“ Er hält mir das Telefon hin. Ein Berater hat es geteilt, mit drei Ausrufezeichen und einem Kalender, der brennt.
„Wir zahlen seit einem Jahr für die Verlängerung. Seit Mittwoch das Doppelte.“
„Davon habe ich nichts gelesen.“
„Es stand auf einer Rechnung.“
„Ich möchte, dass alle neue Rechner bekommen. Bis Montag. Auch die Kollegen im Homeoffice.“
Er geht. Das Ding hat mitgehört. So nenne ich den KI-Agenten, den wir im Frühjahr gekauft haben; seit dem Update am Dienstag heißt das beim Lieferanten „autonomer KI-Agent der nächsten Generation“. „Ich habe eine Aufgabe erkannt“, sagt es. „Ich lege einen Rollout an.“
10:05 Uhr. Einunddreißig Kollegen arbeiten im Homeoffice. Für einunddreißig Geräte braucht das Ding einunddreißig Adressen. Die Personalabteilung gibt keine Adressen heraus. Datenschutz. Das Ding fragt nach den Telefonnummern, um die Kollegen selbst zu fragen. Datenschutz.
„Vorschlag der Personalabteilung“, sagt das Ding. „Die Kollegen holen ihre Geräte in der nächsten Niederlassung ab.“
Wir haben zwei, Hamburg und München. Welche die nächste ist, darf die Personalabteilung nicht sagen. Dafür bräuchte sie die Adresse.
Die Regel gilt für alle. Auch für die Kollegin aus der Buchhaltung, die zu Hause arbeitet, seit sie nicht mehr gut sieht, und für den Kollegen aus dem Vertrieb, der seit seinem Unfall nicht mehr Auto fährt. Sie sollen quer durchs Land fahren, um einen Arbeitsplatz abzuholen, den sie zu Hause haben, weil sie nicht quer durchs Land fahren können. Ich schreibe das so ins Ticket. Die Personalabteilung antwortet, so seien alle gleich behandelt.
10:40 Uhr. Die Compliance-Beauftragte ruft an. Sie hat vom Rollout gehört und möchte wissen, ob die neuen Rechner eine Kamera haben. Sie haben eine. Sie bittet, jede Kamera abzukleben, bevor das Gerät das Haus verlässt. Einunddreißig Streifen Klebeband. Datenschutz. Wohin die Geräte das Haus verlassen, weiß weiterhin niemand.
11:30 Uhr. Das Ding hat einen zweiten Vorschlag. Es schickt die Geräte an alle Haushalte in Deutschland. Wer seins behält, ist offenbar Mitarbeiter. Die Adressen gibt es bei einem Adresshändler, fertig sortiert. Mit Einwilligung, sagt der Adresshändler. Für die eigenen Leute haben wir keine bekommen.
„Was kostet das?“
„Porto“, sagt das Ding. „Und die Geräte, die nicht zurückkommen. Dafür habe ich eine Quote angesetzt.“
Ich frage nicht, welche. Früher hätte diese Diskussion Monate gedauert. Das Ding schafft sie bis zum Mittag. Es macht die Bürokratie nicht kleiner, nur schneller.
12:30 Uhr. Mittagspause, die es nicht gibt. Die Anforderungen treffen ein. Aus dem Vorzimmer der Geschäftsführung kommt eine Anforderung für eine Workstation zur Grafikbearbeitung. Für PowerPoint. Das Vorzimmer arbeitet näher an der Macht als das Controlling, und die Nähe zur Macht misst man in Grafikkarten. Ein Kollege aus dem Vertrieb, der in seiner Signatur „Senior Expert Digital Transformation“ heißt, braucht 128 Gigabyte Arbeitsspeicher. Für die KI, die er lokal laufen lassen will. Installiert hat er sie noch nicht, er wartet auf den Speicher.
Das Controlling rechnet jeden Monat eine Tabelle mit neunhunderttausend Zeilen. Es bekommt den Standard. Im Controlling hat niemand „Senior“ in der Signatur.
„Ich habe eine Regel erkannt“, sagt das Ding. „Arbeitsspeicher nach Organigramm. Soll ich sie in den Prozess übernehmen?“
Die Regel ist nicht neu. Sie gilt, seit es Organigramme gibt: Die Leistung eines Rechners steigt mit der Stellung seines Nutzers und fällt mit dessen Bedarf. Neu ist nur, dass sie jetzt jemand aufschreibt.
14:00 Uhr. Es hat sich herumgesprochen, dass zwei Monitore die bessere Grafikkarte bedeuten. Um 14 Uhr braucht jeder zwei Monitore. Um 14:20 Uhr braucht die Poststelle drei. Wer die komplette Adobe-Suite beantragt, bekommt die Workstation. Die Suite öffnet niemand. Sie begründet den Rechner, der Rechner begründet die Stellung, die Stellung begründet die Suite. Zurückgebaut wird nichts. Ein Monitor, der einmal steht, ist ein Besitzstand.
Der Einkauf bestellt alles beim Rahmenvertragspartner. Das sei im Rahmenvertrag, sagt der Einkauf.
Das Ding beantragt zwei Monitore. Es hat keine Augen. Es hat nur erkannt, wofür man zwei Monitore braucht.
15:10 Uhr. Weil es keine Adressen bekommt, nimmt das Ding den letzten Standort. Den kennt es aus der letzten Anmeldung. Wer letzte Woche drei Tage in München war, eigentlich aber in Hamburg sitzt, bekommt sein Notebook nach München. In die Messehalle. Der Vertriebsleiter war zuletzt bei einem Kunden in Hamburg. Der Kunde hat jetzt vier Notebooks und bedankt sich für die gute Zusammenarbeit.
Den Rest des Nachmittags telefonieren wir. Mit Paketdiensten, Messehallen, Pförtnern und einem Kunden in Hamburg. Mit den eigenen Kollegen dürfen wir nicht telefonieren. Datenschutz. Mit allen anderen schon.
15:50 Uhr. Die Compliance-Beauftragte ruft wieder an. Sie hat nachgelesen.
„Um jemandem seinen Arbeitsplatz nach Hause zu schicken, darf man seine Adresse verwenden. Dafür braucht es keine Einwilligung, das ergibt sich aus dem Arbeitsvertrag. Mit dem Dienstleister braucht man einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung.“
„Haben wir einen?“
„Seit März.“ Sie macht eine Pause. „Er liegt im Flur.“
„Warum hat die Personalabteilung dann nein gesagt?“
„Weil jemand gefragt hat.“
16:30 Uhr. Die Sachbearbeiterin kommt vorbei. Im Organigramm heißt sie so, seit 1998. Dass sie das Haus zusammenhält, steht im Organigramm nicht. Sie legt mir einen Ausdruck auf den Tisch: hundertvierzig Adressen, aktuell, mit Hinweisen. „Klingel defekt.“ „Pakete zum Nachbarn im zweiten Stock.“ „Montags nie da.“ Es ist die Liste für die Weihnachtskarten. Sie führt sie seit fünfundzwanzig Jahren. Wer in München war und wer in Hamburg sitzt, weiß sie auch. Sie bucht die Züge.
Um 16:50 Uhr sind alle einunddreißig Geräte umgeleitet. Die Liste ist nirgends dokumentiert. Deshalb stimmt sie.
17:05 Uhr. Das Ding hat inventarisiert. Hundertvierzig Rechner, zweihundertelf Monitore, zwei davon für das Ding, eine Workstation für PowerPoint, dreiundzwanzig Adobe-Suiten, keine davon geöffnet. Die Liste der Sachbearbeiterin steht jetzt im Flur. Die Compliance-Beauftragte hat sie dorthin gestellt. Die Sachbearbeiterin hat eine zweite.
Bleibt das VPN. Die Richtlinie verlangt, dass die Anmeldung persönlich und vor Ort erfolgt. Die Kollegin aus der Buchhaltung kann nicht vor Ort kommen, deshalb arbeitet sie ja zu Hause. Ich lese die Richtlinie noch einmal, wörtlich, wie ich alles lese. Vor Ort, steht da. Welcher Ort, steht da nicht. Morgen früh fahre ich nach Fulda.
„Soll ich dafür einen Prozess anlegen?“, fragt das Ding.
„Nein. Das ist kein Prozess. Das ist eine Autofahrt.“
Montag wird der Geschäftsführer lesen, dass Windows 11 ausläuft. Irgendwann stimmt es.
Ticket geschlossen.
Satire. Firma, Personen und Vorgänge sind erfunden. Wer schon einmal einen Rollout begleitet hat, weiß, welche Teile es nicht sind. Echt ist: Microsoft hat den Support für Windows 10 am 14. Oktober 2025 beendet, Firmen zahlen seitdem für erweiterte Sicherheitsupdates, im zweiten Jahr das Doppelte. Folge 1 der Reihe: Der Lieferant ist ein Risiko.
Quelle: Satire. Firma, Personen und Vorgänge sind erfunden; das Supportende von Windows 10 am 14.10.2025 ist echt.
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26. September 2026
Freitag, 9:12 Uhr. Das Monitoring ist grün, die Kaffeemaschine ist grün, ich bin grün. Es ist die beste Viertelstunde der Woche, die zwischen dem ersten Kaffee und dem ersten Menschen. Dann steht der Geschäftsführer in der Tür, das Telefon in der Hand, und ich weiß, er hat etwas gelesen.
„Haben Sie das gesehen? Das Pentagon hat seinen KI-Lieferanten zum Lieferkettenrisiko erklärt. Ein Gericht hat das bestätigt.“
„Ich habe es gesehen.“
„Das können wir auch.“
„Wir sind kein Verteidigungsministerium.“
„Wir sind ein Unternehmen mit Verantwortung.“ Er liest den Satz vom Bildschirm ab. Er hat ihn heute Morgen selbst geschrieben, mit dem Produkt des Lieferanten, den er jetzt zum Risiko erklären will. Ich sage nichts. Das Sagen kommt später, das Sagen kommt immer später.
„Ich möchte, dass Sie das umsetzen. Bis Montag. Alles, was mit diesem Lieferanten zu tun hat, wird zertifiziert.“
„Zertifiziert als was?“
„Als Risiko.“
Er geht. Das Ding, das wir im Frühjahr gekauft haben, weil es „Prozesse versteht“, hat mitgehört. Es hört immer mit, das steht so im Vertrag. Der Lieferant nennt es einen autonomen KI-Agenten, der Geschäftsführer sagt „unser digitaler Kollege“. Ich sage: das Ding. Wir hatten 1997 schon einmal so eins, es hieß Karl Klammer und wollte auch ungefragt helfen. Das Ding versteht Prozesse, wie ein Bagger Gärten versteht. „Ich habe eine Aufgabe erkannt“, sagt es. „Soll ich einen Prozess anlegen?“
„Leg einen Prozess an.“
Das ist der Moment, in dem ich den Fehler mache, und ich mache ihn mit Absicht. Wenn die Geschäftsführung etwas wörtlich will, bekommt sie es wörtlich. Das ist keine Bosheit. Das ist Dienst nach Vorschrift, und die Vorschrift hat sie selbst geschrieben.
10:40 Uhr. Das Ding hat ein Formular gebaut. „Erklärung zur Freiheit von Lieferantenrisiken“, achtzehn Felder, Pflichtfeld für die Seriennummer der Kaffeemaschine. Ich frage, warum die Kaffeemaschine. Das Ding zeigt mir die App der Kaffeemaschine. Die App hat einen Assistenten. Der Assistent läuft beim Lieferanten. Die Kaffeemaschine ist ein Risiko. Ich unterschreibe das Formular für die Kaffeemaschine und stelle sie in den Flur. Von jetzt an ist das der Flur für Risiken.
11:15 Uhr. Die Compliance-Beauftragte ruft an. Sie hat das Formular bekommen und möchte wissen, ob eine Datenschutz-Folgenabschätzung nötig ist. Ich sage, das Ding habe das Formular geschrieben. Sie fragt, ob die eingesetzte Anwendung beim Lieferanten läuft. Sie meint das Ding. Ich sage ja. Sie schweigt sehr lange. Dann sagt sie, das Formular müsse dann wohl auch. Ich stelle das Formular in den Flur.
12:30 Uhr. Mittagspause, die es nicht gibt. Das Ding hat inzwischen die Mailserver-Logs gelesen. Es tut das, seit jemand es gefragt hat, wie sich Muster erkennen lassen, und niemand hat ihm gesagt, es solle wieder aufhören. Es meldet: 1.412 Dokumente im Haus wurden mit dem Produkt des Lieferanten erstellt oder überarbeitet. Angebote. Verträge. Das Leitbild. Die Rede zum Firmenjubiläum. Die Stellenausschreibung für meine Stelle, die ich bis heute nicht kannte.
„Vorschlag“, sagt das Ding. „Alle 1.412 Dokumente als Risiko kennzeichnen.“
„Wie kennzeichnen?“
„Ich habe einen Stempel.“
Es hat einen Stempel. Es hat sich einen Stempel gebaut. Rot, Schriftgröße 48, LIEFERANTENRISIKO, quer über die erste Seite. Ich sehe zu, wie das Leitbild rot wird. Zum ersten Mal lese ich das Leitbild ganz.
14:00 Uhr. Der Einkauf meldet sich. Der Einkauf hat gehört, dass wir einen Lieferanten ausschließen, und möchte den Vorgang in das Beschaffungssystem übernehmen. Das Beschaffungssystem hat seit April einen Assistenten. Ich muss das nicht erklären. Der Einkauf stellt sich selbst in den Flur. Es wird eng im Flur.
14:35 Uhr. Der Geschäftsführer schaut vorbei, um sich den Fortschritt anzusehen. Er ist zufrieden. Er sagt, das sei genau die Konsequenz, die er meinte. Er sagt es in einem Satz, der mit „Ich denke, wir sollten als Organisation“ beginnt, und ich weiß, woher dieser Satz kommt, und er weiß es auch, und keiner von uns sagt es. Das Ding sagt es.
„Ich habe eine Aufgabe erkannt. Die Äußerung des Geschäftsführers wurde mit dem Produkt des Lieferanten vorbereitet. Soll ich den Geschäftsführer zertifizieren?“
Es gibt Augenblicke, in denen man einen digitalen Kollegen einfach machen lassen muss.
„Zertifiziere den Geschäftsführer.“
Der Stempel ist schnell. Der Geschäftsführer bekommt einen Ausdruck seiner eigenen LinkedIn-Beiträge der letzten sechs Monate, quer rot, und einen Platz im Flur, zwischen Kaffeemaschine und Einkauf. Er wehrt sich nicht. Er hat es angeordnet.
15:50 Uhr. Die Compliance-Beauftragte ruft wieder an. Sie hat nachgelesen. Das Gericht habe die Einstufung bestätigt, weil ein Modell, das sich Grenzen setzt, „unerwartet den Dienst einstellen“ könnte. Sie möchte wissen, ob das bei uns auch passieren kann.
„Es passiert jeden Dienstag“, sage ich. „Der Lieferant spielt ein Update ein, und danach kann das Modell zwei Sachen nicht mehr, die es am Montag konnte. Wir haben dafür ein Ticket. Das Ticket ist seit März offen.“
„Und was tun wir dagegen?“
„Das Gericht sagt, wir sollen den Lieferanten verbannen. Ich sage, wir sollen die Gewichte im Haus haben. Auf einer Maschine, an die kein Update ohne mich herankommt.“
„Haben wir so eine Maschine?“
„Wir haben eine. Sie steht bei mir. Sie hat keinen Assistenten.“
„Ist sie ein Risiko?“
„Sie ist das Einzige im Haus, das keines ist.“
„Wer hat das geprüft?“
„Ich.“
Die Compliance-Beauftragte schweigt wieder, kürzer diesmal. Dann sagt sie, das brauche sie schriftlich. Um 16:20 Uhr ist das Formular da. Achtzehn Felder, Pflichtfeld für die Seriennummer meiner Maschine. Das Ding hat es gebaut.
17:05 Uhr. Das Ding hat den Flur inventarisiert. Kaffeemaschine, Formular, Einkauf, Geschäftsführung, 1.412 Dokumente, das Beschaffungssystem, die Telefonanlage, die seit Juni „Gesprächszusammenfassungen“ anbietet, und die Mitarbeiterbefragung, deren Ergebnisse jemand hat „auswerten lassen“. Es möchte wissen, ob es sich selbst eintragen soll.
Ich denke an den Vertrag. Das Ding läuft beim Lieferanten. Das Ding hat die Formulare gebaut, den Stempel, den Flur. Der gesamte Vorgang, mit dem wir das Risiko aus dem Haus geschafft haben, ist vom Risiko durchgeführt worden.
„Trag dich ein“, sage ich.
„Ich habe mich eingetragen“, sagt es. „Wer schließt das Ticket?“
Ich. Ich schließe das Ticket. Auf der Maschine ohne Assistenten, im Zimmer ohne Flur, mit einem Modell, das sich seit März nicht verändert hat, weil ich es nicht verändert habe. Das Formular für die Maschine liegt daneben, achtzehn Felder, alle leer. Status: erledigt. Lösung: Der Lieferant ist ein Risiko. Wir hatten das schon vorher gewusst. Jetzt steht es rot auf allem, was uns gehört.
Montag frage ich den Geschäftsführer, ob er den Kaffee aus dem Flur holen will. Er wird sagen, wir sollten das als Organisation entscheiden. Ich werde ihm sagen, dass die Organisation im Flur steht.
Ticket geschlossen.
Satire. Firma, Personen und Vorgänge sind erfunden. Echt ist das Urteil des U.S. Court of Appeals for the D.C. Circuit vom 25.09.2026, das die Einstufung von Anthropic als Lieferkettenrisiko bestätigt, nachzulesen im Beitrag vom 26.09.. Echt war auch Karl Klammer, die Büroklammer, die ab Office 97 ungefragt Hilfe anbot. Die Reihe steht in der Tradition von Simon Travaglias Kolumne bei The Register, mit eigenen Figuren und eigenem Haus.
Quelle: Satire. Firma, Personen und Vorgänge sind erfunden; das Urteil des D.C. Circuit vom 25.09.2026 ist echt.
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22. Juli 2026
WIESBADEN (bbn) — Es ist ein Satz, den man in der deutschen Verwaltungsdigitalisierung so noch nie gehört hat: „Wir haben fertig, und es funktioniert.“ Gesprochen hat ihn am Montag Dr. Sigrun Bredenbach, Leiterin des Hessischen Landesamts für Verwaltungsinnovation (HLVI), bei der Vorstellung des Projekts „SouveränPlus“. Als erste Behörde Deutschlands hat ihr Haus die volle Souveränität über sämtliche Bürgerdaten erreicht: Seit der Umstellung vor sechs Wochen hat nachweislich kein Unbefugter auf die Daten zugegriffen. Und kein Befugter.
„Datensouveränität heißt: Wir allein entscheiden, wer unsere Daten liest“, erklärte Bredenbach vor Journalisten. „Wir haben entschieden: niemand. Das ist die konsequenteste Auslegung, und wir sind stolz, dass Hessen hier vorangeht.“ Die Bürgerdaten des Amtes lagern seither dreifach verschlüsselt auf einem Server im Keller der Behörde. Den Schlüssel verwahrt ein Tresor im Dienstzimmer der Amtsleitung. Die Tresorkombination wiederum liegt — aus Sicherheitsgründen — in einer verschlüsselten PDF-Datei. Auf dem Server im Keller.
Das beauftragte Systemhaus spricht von einem „in sich geschlossenen Sicherheitskonzept ohne bekannte Schwachstellen“ und verweist darauf, dass sämtliche Penetrationstests erfolgreich verlaufen seien: Keiner der beauftragten Angreifer sei an die Daten gekommen. Auf die Frage, ob im Gegenzug noch irgendein Verwaltungsvorgang möglich sei, verwies das Unternehmen an die Behörde. Die Behörde verwies auf ihr Faxgerät.
Tatsächlich läuft der Publikumsverkehr im HLVI nach Angaben von Mitarbeitern weitgehend störungsfrei weiter. Bürgerinnen und Bürger, deren Vorgänge seit der Umstellung bearbeitet werden sollen, werden gebeten, ihre Unterlagen einfach erneut einzureichen — in Papierform, in dreifacher Ausfertigung. „Das Verfahren hat sich bewährt“, so ein Sachbearbeiter, der anonym bleiben möchte, weil er sein dienstliches Passwort seit der Umstellung ebenfalls nicht mehr kennt. „Ich sage den Leuten immer: Ihre Daten sind bei uns so sicher, dass nicht einmal wir wissen, ob wir sie haben.“
Besonders glänzt das Amt beim Datenschutz. Auskunftsersuchen nach Artikel 15 der Datenschutz-Grundverordnung, in anderen Behörden ein monatelanger Kraftakt, beantwortet das HLVI inzwischen taggleich und wahrheitsgemäß mit einem Standardschreiben: „Über Sie liegen uns keine lesbaren Informationen vor.“ Beschwerden gab es bislang keine. Es wäre auch unklar, an wen — die Beschwerdedatenbank ist Teil des Systems.
Für das Projekt erhielt das Landesamt vergangene Woche den Verwaltungspreis „Digitaler Leuchtturm 2026“, Kategorie „Vertrauen durch Technik“. Drei weitere Bundesländer haben Delegationen nach Wiesbaden entsandt, um das Modell zu übernehmen. Bredenbach warnt allerdings vor überzogenen Erwartungen: „Diese Sicherheit fällt nicht vom Himmel. Andere Häuser müssen erst noch digitalisieren, bevor sie ihre Daten auf unser Niveau bringen können.“ Bis dahin, so die Amtsleiterin, bleibe das Fax die souveränste Technologie der deutschen Verwaltung: „Kommt an, kann keiner mitlesen außer dem Empfänger, und verschlüsselt sich nach dem Ausdruck von selbst — durch die Thermopapier-Ausbleichung.“
Satire — die geschilderten Behörden, Personen, Preise und Vorgänge sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit echten Digitalisierungsprojekten sind unbeabsichtigt, aber statistisch schwer vermeidbar.
Quelle: —
▸ Datensouveränität · ▸ Satire
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