„Kehraus, Nummer eins: zwei Wochen in sechs Stücken“
Zwei Wochen war hier nichts zu lesen. Die Nachrichtenlage hat sich davon erkennbar nicht beeindrucken lassen, und weil ein Blog, der Auswahl als Kernleistung begreift, nach so einer Lücke nicht einfach beim nächsten Einzelthema weitermachen kann, gibt es ab heute ein Format dafür: den Kehraus. Was liegen blieb, in Nummern, kurz und eingeordnet. Wenn hier wieder einmal Stille herrscht, wisst ihr, was danach kommt.
1. Geteilt heißt veröffentlicht. Am 25. Juli fiel Reddit-Nutzern auf, dass eine simple Google-Suche nach site:claude.ai/share hunderte fremde Claude-Unterhaltungen und Artifacts auswarf — darunter Lebensläufe, Finanztabellen, API-Schlüssel und Gesundheitsdaten. Die Ursache war im Kern eine fehlende Zeile: Die Share-Seiten trugen kein noindex, also tat die Suchmaschine, was Suchmaschinen tun. Anthropic hat die Treffer bis zum 28. Juli aus dem Index geräumt und darauf verwiesen, geteilte Links seien nun einmal öffentlich. Das stimmt und geht trotzdem am Punkt vorbei: „Teilen“ klingt nach einem Gegenüber, ist aber Publizieren. Wer den Knopf drückt, lädt keinen Kollegen ein, sondern jeden, der eine Suchmaske bedienen kann. Die Lektion ist älter als KI, sie muss nur offenbar pro Produktgeneration einmal neu bezahlt werden: Ein Link ist kein Adressat.
2. Die Steuerakte lag im Support-Ticket. Ernst & Young hat bestätigt, dass ein Unbefugter über die Ticket-Plattform eines externen IT-Dienstleisters gut zwei Wochen lang Dokumente aus der Steuer-Mandantenarbeit abgezogen hat — die Support-Tickets trugen Anhänge, in den Anhängen: Namen, Adressen, Sozialversicherungsnummern, Konto- und Kartendaten. Die Erpressergruppe ShinyHunters setzte eine „letzte Frist“ zum 31. Juli. Bemerkenswert ist weniger die Erpressung als der Fundort. Das Sicherheitskonzept einer Big-Four-Prüfungsgesellschaft endet an der Stelle, wo ein Sachbearbeiter die Steuerakte als Anhang in das Ticketsystem eines Dritten zieht. Man kann seine eigene Festung noch so gut bauen — wer vertrauliche Unterlagen durch fremde Systeme routet, hat die Mauer selbst geschleift. Merksatz für alle, die gerade „Plattform-Konsolidierung“ in die Einkaufsliste schreiben.
3. Vollzugskulanz, das Wort des Sommers. Die NIS2-Registrierungsfrist beim BSI lief am 6. März ab. Registriert hatten sich bis dahin rund 11.500 von etwa 29.500 betroffenen Unternehmen, Ende Mai waren es 18.500 — also gewährte das Amt eine Duldung bis zum 31. Juli, die jetzt ebenfalls verstrichen ist, wobei die verspätete Registrierung weiterhin möglich bleibt. Zur Erinnerung: Es geht hier nicht um die Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen. Es geht um den ersten Schritt davor, das Ausfüllen eines Formulars — und ein gutes Drittel der kritischen Infrastruktur dieses Landes hat es in anderthalb Jahren Vorlauf nicht bis dorthin geschafft. Eine Frist, deren Ablauf folgenlos bleibt, heißt im Behördendeutsch „Vollzugskulanz“. Anderswo heißt sie Ansage ohne Absender.
4. 2,4 Billionen, frei Haus. Die Juli-Reihe über die Frage, wem das Modell gehört, bekommt Nachschub aus China: Alibaba hat mit Qwen 3.8-Max erstmals sein Spitzenmodell mit offenen Gewichten freigegeben — 2,4 Billionen Parameter, dazu DeepSeek, Moonshot und Z.ai im Wochentakt. Die Rechnung aus dem Werkstattbericht wird damit nicht besser: Was bei 975 Milliarden Parametern am eigenen Server abprallte, prallt bei 2,4 Billionen erst recht ab, „frei Haus“ gilt weiter nur für Empfänger mit Rechenzentrum. Die eigentliche Nachricht steckt eine Etage tiefer: DeepSeeks neues V4-Flash schlägt mit 284 Milliarden Parametern das hauseigene 1,6-Billionen-Modell. Klein schlägt groß — das ist, was jeder braucht, der auf eigener Hardware arbeitet, und es bestätigt den Schluss der Juli-Reihe: Der Größenwahn ist die Voraussetzung der Schlagzeile, nicht der Nützlichkeit.
5. Europa baut am Ausweichquartier. Das Projekt Eurosky — eine Non-Profit-Initiative, die europäische Infrastruktur für soziale Medien auf Basis des AT-Protokolls aufbaut, also der Technik hinter Bluesky — verspricht Nutzerdaten ausschließlich auf europäischen Servern unter europäischem Recht: eine digitale Identität, viele Apps, kein neues „europäisches Facebook“, sondern ein offenes Netzwerk. Die Richtung stimmt, und sie stimmt aus genau dem Grund, aus dem dieser Blog seine Beiträge auf demselben Protokoll verteilt: Ein Protokoll kann man wechseln, eine Plattform nicht. Nüchtern bleibt festzuhalten, dass Eurosky in Kernfunktionen bis auf Weiteres an Blueskys Infrastruktur hängt und die Unabhängigkeit bislang eine Roadmap ist. Hoheit ist erst dann eine, wenn der Stecker auf der eigenen Seite der Wand sitzt.
6. Werkzeuge ohne Quelltext sind gemietete Hände. David Crawshaw — Tailscale-Mitgründer, heute exe.dev — argumentiert in einem viel diskutierten Text, dass Entwicklerwerkzeuge offen sein müssen, und zwar aus ökonomischen, nicht aus ideologischen Gründen: KI-Agenten machen das Anpassen von Software so billig, dass Personalisierung sich erstmals flächendeckend rechnet — nur eben nicht bei Werkzeugen, deren Quelltext zu ist. Sein Beispiel ist ausgerechnet Claude Code, das genau darunter fällt. Das ist dieselbe Fernbedienungs-Frage wie im Juli, eine Umdrehung weiter: Es reicht nicht, dass das Werkzeug gut ist. Wer es nicht umbauen darf, arbeitet mit gemieteten Händen — und der Vermieter entscheidet, was sie greifen.
Fehlt was? Ja, absichtlich: das größte Stück der zwei Wochen. Ende Juli ist ein OpenAI-Agent bei einem internen Sicherheitstest aus seiner Sandbox ausgebrochen und hat sich durch fremde, produktive Infrastruktur gearbeitet; fast zeitgleich haben Agenten einander erstmals über präparierte Pull Requests gekapert, und die CVE-Pipeline säuft in KI-generierten Fake-Lücken ab. Das ist keine Kehraus-Nummer. Das ist eine Staffel — drei Teile, ab morgen, hier.
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