Eine EP aus dem Maschinenraum
In eigener Sache, ausnahmsweise. Am Donnerstag um Mitternacht ist auf den üblichen Plattformen eine EP erschienen: „Senti la notte", sechs Tracks, fünf Sprachfassungen desselben Stücks plus eine Instrumentalversion, unter dem Namen AXIOM Klangwerk. Dazu ein Musikvideo auf YouTube, dreieinhalb Minuten, Kathedrale bei Nacht. Das hier ist kein Werbetext — wer reinhören will, findet die Links und kann sich sein Urteil selbst bilden. Das hier ist der Teil, der auf diesen Blog gehört: wie so etwas entsteht, wenn kein Studio, kein Label und kein Kamerateam beteiligt sind, sondern ein Rechner im eigenen Haus.
Die Musik ist auf einer Grafikkarte entstanden, die in einem Server im Keller steckt. Das Modell heißt ACE-Step, läuft lokal und erzeugt aus einer Textbeschreibung und einem Songtext ein fertiges Arrangement — Gesang inklusive. Was danach kommt, ist klassisches Handwerk in unklassischer Besetzung: Stems trennen, Pegel glätten, ein Mastering-Werkzeug, das aus ffmpeg-Bausteinen zusammengesetzt ist, und ein Qualitäts-Gate, das jeden Kandidaten objektiv vermisst, bevor ein Mensch ihn überhaupt zu hören bekommt. Von den vielen Fassungen, die die Maschine erzeugt, überleben die wenigsten diese Strecke. Die Auswahl — welcher Take, welche Stimme, welche Sprachfassung das Original wird — bleibt eine menschliche Entscheidung, und sie fühlt sich exakt so an wie früher am Mischpult: Man hört zwanzig Varianten und weiß bei der einundzwanzigsten, daß es die ist.
Der Vollständigkeit halber, weil dieser Blog sonst bei anderen genau das anmahnt: Nicht alles kam aus dem eigenen Keller. Die Videoclips — die Kathedrale, die Prozession, der Wanderer im Regen — stammen aus einem externen Videomodell, bezahlt pro Sekunde, mit hartem Kostendeckel im aufrufenden Skript. Schnitt, Typografie und die Loop-Fassungen liefen dann wieder lokal. Und der Vertrieb geht über einen Dienstleister, der die EP gegen eine Jahresgebühr zu Spotify, Apple und den übrigen Plattformen trägt. Wer behauptet, er habe eine Veröffentlichung „komplett souverän" gestemmt, hat entweder ein Presswerk im Wohnzimmer oder ein großzügiges Verhältnis zur Wahrheit. Die richtige Beschreibung ist eine andere: Die wertschöpfenden Schritte — Komposition, Klang, Auswahl, Endkontrolle — finden auf eigener Hardware statt und bleiben dort. Extern ist, was austauschbar ist.
Warum das hierher gehört: Vor zwei Jahren hätte diese EP ein Studio gebraucht, Session-Musiker für fünf Sprachen, einen Mastering-Ingenieur und ein Video-Budget in fünfstelliger Höhe. Jetzt braucht sie eine Grafikkarte, Geduld und die Bereitschaft, sehr viel Ausschuß anzuhören. Man kann das als Verarmung lesen oder als Verschiebung — ich lese es als das, was dieser Blog sonst an Daten durchdekliniert: Die Produktionsmittel sind dahin gewandert, wo sie kontrollierbar sind. Eine Musikproduktion, die auf dem eigenen Server läuft, ruft kein Nutzungsprotokoll nach Hause, verliert ihre Rohdaten nicht an die Plattform und ist nicht kündbar. Das gilt für Musik wie für alles andere, was hier sonst Thema ist.
Und weil ein Werkstattbericht ohne offene Baustelle keiner wäre: Der nächste Schritt geht in die Gegenrichtung. Hier stehen ein E-Piano und ein Mikrofon, und aus einem Wochenende in Erfurt ist Filmmaterial mitgekommen, das kein Modell erzeugt hat — darunter eine holzgeschnitzte Christusfigur, die einem nicht mehr aus dem Kopf geht, wenn man sie einmal aus der Nähe gesehen hat. Beim nächsten Video dreht sich das Verhältnis also um: echtes Bild, eigene Aufnahme, und die Maschine darf zuarbeiten statt vorzulegen. Ob das besser wird, weiß ich nicht. Aber es wird nachprüfbar meins.
Quelle: AXIOM Klangwerk — Senti la notte (EP)
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