243 Gigabyte, die keine Dokumente waren
Auf meiner externen Platte lag eine einzelne Datei mit 243,7 Gigabyte. Eine vollständige Sicherung meiner eigenen kleinen Wolke, gezogen am 15. Mai 2024 und seither nie geöffnet. Sie gehörte dem Systemnutzer, ich kam als normaler Benutzer nicht einmal an sie heran.
Wenn irgendwo noch die vermißten Schulungsunterlagen lagen, dann dort. Also habe ich das Inhaltsverzeichnis ziehen lassen, ohne etwas auszupacken. Der Durchlauf dauerte ein paar Stunden, weil so ein Archiv keinen Index hat und von vorn bis hinten gelesen werden muß.
Am Ende standen 457.934 Zeilen da. Und darin diese Verteilung:
- 249.100 Bilder, zusammen 170 Gigabyte
- 678 Videos, zusammen 58 Gigabyte
- 2.422 Dokumente, zusammen 0,9 Gigabyte
Vier Zehntel Prozent des Archivs waren Text. Der Rest waren Bilder von Menschen, Orten und Gegenständen. Und die meisten der 2.422 Dokumente entpuppten sich als die Vorlagendateien, die das System jedem neuen Nutzerkonto mitgibt.
Die Sicherung erzählt eine andere Geschichte als erwartet
Ich hatte ein Archiv gesucht und einen Fotoladen gefunden. Der Schwerpunkt liegt auf 2020 und 2021, zusammen fast 288.000 Dateien. Das waren die Jahre, in denen die kleine Wolke im Haushalt lief und alle Telefone brav dorthin sicherten.
Das ist keine besondere Geschichte. Ich vermute, sie ist die Regel. Fragen Sie sich einmal selbst: Wenn morgen jemand Ihren gesamten digitalen Bestand nach Textanteil ausmißt, was kommt heraus? Bei mir waren es unter einem halben Prozent, und ich bin jemand, der beruflich mit Dokumenten arbeitet.
Was das über zwanzig Jahre Netz sagt
Wann haben wir eigentlich aufgehört auszuwählen? Es gab eine Zeit, da war Speicher knapp und man entschied. Was aufgehoben wurde, war aufgehoben worden, und zwar von einem Menschen mit einem Grund. Ein Album hatte vierzig Seiten, ein Film sechsunddreißig Bilder, und danach war Schluß.
Diese Begrenzung ist verschwunden, und zwar so gründlich, daß wir sie nicht einmal vermissen. Heute drückt niemand mehr auf den Auslöser, weil ein Moment es wert wäre. Man drückt, weil es nichts kostet.
Was dabei entsteht, ist kein Gedächtnis. Ein Gedächtnis besteht aus Auswahl, und Auswahl ist genau das, was hier weggefallen ist. 249.100 Bilder sind kein reicheres Erinnern als vierzig, sondern ein anderes: Man erinnert sich nicht mehr an das Bild, sondern daran, daß es irgendwo sein müßte.
Der Nebenbefund, der mir nicht aus dem Kopf geht
Diese 249.100 Fotos tragen fast alle ein Aufnahmedatum, viele auch eine Ortsangabe. Wer das auswertet, bekommt keine Bilder zu sehen, sondern etwas anderes: eine lückenlose Linie durch zwanzig Jahre. Wo war dieser Mensch, wann, wie lange, mit welcher Regelmäßigkeit.
Ich habe das Werkzeug dafür selbst gebaut, für einen ganz anderen Zweck, und es liegt einsatzbereit auf meinem Rechner. Ausgeführt habe ich es nicht.
Es sind Familienfotos, und die Auswertung wäre ein Bewegungsprofil. Daß ich es über mich selbst anfertigen könnte, ändert daran wenig. Was mich beschäftigt, ist die Leichtigkeit: Der Bestand liegt da, das Werkzeug liegt daneben, und zwischen beiden steht nur eine Entscheidung.
Bei mir steht sie noch. Aber steht sie auch bei den großen Anbietern, auf deren Servern die meisten dieser Bilder sonst liegen? Dort ist sie längst gefallen.
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