Tools: Hirn
In dem Lebenslauf, von dem der vorige Teil handelte, gibt es einen Abschnitt „Profil". Dort listet man auf, womit man arbeitet: Betriebssysteme, Verfahren, Branchen. Bei mir stehen dort Windows und Linux, ITIL und ISO 20000, Telco und Finanzdienstleister.
Und dann, an der Stelle, an der jeder andere seine Werkzeugkette aufzählt, steht diese Zeile:
Tools: Hirn.
Zwei Wörter, getippt 2013, seither nie wieder angesehen. Sie beschreiben mich besser als 343.229 Dateien.
Was von zwölf Terabyte übrig bleibt
Rechnen wir die Serie zusammen. Zwölf Terabyte Bestand über drei Geräte. Davon gelesen: zwei Gigabyte. Von 12.565 ausgelesenen Dokumenten inhaltlich verschieden: 4.256, der Rest Kopien. Ein Archiv von 243 Gigabyte, das zu neunundneunzig Komma sechs Prozent aus Bildern bestand. Und die eine Frage, mit der alles anfing, beantwortet von vier Seiten Text.
Was davon würde ich vermissen, wenn morgen eine Platte ausfällt? Die Fotos, natürlich. Ein paar Verträge. Und sonst?
Die Antwort ist unbequem: fast nichts. Nicht, weil der Rest wertlos wäre, sondern weil ich ihn nach zwei Jahrzehnten Ansammeln schlicht nicht mehr kenne und deshalb auch nicht sagen könnte, welcher Teil davon mir gefehlt hätte. Man vermißt nichts, wovon man nicht weiß, daß man es hat.
Kein Aufruf zum Löschen
Damit kein Mißverständnis entsteht: Ich habe in diesem ganzen Durchgang keine einzige Datei gelöscht, und ich rate auch niemandem dazu. Eine Dublette zu erkennen kostet nichts, sie zu löschen ist unumkehrbar. Wer aufräumt, während er müde ist, wirft irgendwann das Falsche weg.
Die Lehre geht in die andere Richtung. Das Problem ist nicht, daß zu viel liegenbleibt. Das Problem ist, daß zu wenig formuliert wird.
Ein Ordner ist keine Aussage. Eine Sicherung ist keine Erinnerung. Zwölf Terabyte sind kein Gedächtnis, sondern Rohstoff, und Rohstoff bleibt genau so lange Rohstoff, bis sich jemand hinsetzt und die Mühe macht, aus ihm einen Satz zu formen, den ein anderer verstehen kann. Was überdauert, ist der Satz, den jemand geschrieben hat, weil er etwas sagen wollte.
Was ich mir daraus mitnehme
Drei Dinge, ohne Zeigefinger, weil ich es selbst dreißig Jahre lang nicht anders gemacht habe.
Erstens: einmal im Jahr aufschreiben, was man getan hat. Eine Seite genügt. Sie ist in zehn Jahren mehr wert als der ganze Jahrgang an Dateien.
Zweitens: dorthin schreiben, wo es einem selbst gehört. Was in fremden Systemen liegt, steht dort, solange ein Vertrag läuft.
Drittens: messen statt schätzen. Ich hätte auf jede Frage dieser Serie eine Antwort aus dem Bauch gegeben, und sie wäre bei jeder einzelnen falsch gewesen. Ich hätte auf mehr Dokumente getippt und auf weniger Kopien, und ich hätte niemals vermutet, daß mein größtes Archiv fast nur aus Fotos besteht.
Der Rechner weiß solche Dinge. Man muß ihn nur fragen, und das dauert überraschend wenig, wenn man einmal anfängt.
Und wenn am Ende von zwölf Terabyte zwei Wörter übrig bleiben, die ich vor dreizehn Jahren nebenbei getippt habe, dann sind es zum Glück die richtigen.
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