„Der Elektriker hat sich entschieden“
Wer wissen will, was der KI-Ausbau kostet, schaut meistens auf die Stromrechnung. Die interessantere Zahl steht woanders. In den USA verlassen Bauhandwerker den Wohnungsbau und gehen in den Rechenzentrumsbau, weil sie dort nach einer Auswertung des Wall Street Journal 25 bis 30 Prozent mehr verdienen. Ed Brady, Chef des Home Builders Institute, beschreibt das ohne jede Dramatik: Der Wohnungsmarkt sei schwächer, also gingen die Leute, die vorher Häuser gebaut haben, jetzt zu den Rechenzentren. Der amerikanischen Bauwirtschaft fehlen 300.000 Fachkräfte, und auf fünf Handwerker, die in Rente gehen, kommen zwei neue.
Man muss sich klarmachen, dass hier niemand etwas falsch macht. Ein Elektriker, dem jemand dreißig Prozent mehr bietet, wechselt — das ist keine Gier, das ist Arbeitsmarkt. Der Punkt ist nicht das Verhalten der Einzelnen, sondern was passiert, wenn eine Branche mit sehr viel Kapital plötzlich in einen Arbeitsmarkt greift, der seit Jahrzehnten zu klein ist. Kapital lässt sich in Wochen beschaffen. Ein Elektromeister braucht Jahre.
Die deutsche Lage lässt sich beziffern, und die Zahlen sind bemerkenswert deutlich. Nach der Erhebung des Borderstep Instituts für den Bitkom standen Ende 2025 in Deutschland 2.980 Megawatt Rechenzentrumsleistung, neun Prozent mehr als im Jahr davor; bis 2030 soll die Kapazität um siebzig Prozent wachsen, die KI-Kapazität allein sich vervierfachen. Für den Bau relevant ist dabei weniger die Hardware als das, was drumherum entsteht: 3,5 Milliarden Euro flossen 2025 allein in Gebäude und Gebäudetechnik, weitere 2,5 Milliarden in Klimatechnik und Stromversorgung. Das sind Gewerke — Rohbau, Elektro, Kälte, Lüftung. Genau die Leute, die auch Wohnungen bauen.
Und dann der Teil, der das Thema von hier aus nicht mehr abstrakt macht. In Hessen stehen über 1.100 Megawatt und damit mehr als ein Drittel der gesamten deutschen Rechenzentrumskapazität. Frankfurt wächst um rund vierzehn Prozent im Jahr, und für die Stadt sind über 1.800 Megawatt Neubaukapazität geplant — also deutlich mehr, als heute überhaupt dasteht. Im selben Bundesland wurden 2025 exakt 15.542 Wohnungen fertiggestellt, dreizehneinhalb Prozent weniger als im Vorjahr und der schlechteste Wert seit 2013. Die Baugenehmigungen waren zwischenzeitlich gestiegen, kräftiger sogar als im Bundesdurchschnitt, was Anfang des Jahres Hoffnung machte; die Zahlen vom 20. August haben sie kassiert. Frankfurts Wohnungsleerstand gehört mit gut drei Prozent zu den niedrigsten des Landes, und bundesweit stehen nach Berechnungen des ifo-Instituts etwa 185.000 Fertigstellungen in diesem Jahr einem Bedarf von rund 320.000 gegenüber.
Jetzt kommt die Stelle, an der ich nicht weitergehe, als die Belege tragen. Für Deutschland hat bislang niemand gemessen, dass der Rechenzentrumsbau dem Wohnungsbau die Handwerker wegnimmt. Der amerikanische Befund ist beobachtet und beziffert, der deutsche ist es nicht — und die naheliegende Erklärung für den Einbruch im Wohnungsbau sind weiterhin Zinsen, Baukosten und Förderpolitik, nicht die Serverfarm im Nachbarort. Wer beides ohne Beleg zusammenzieht, produziert genau die Sorte Kausalgeschichte, über die man sich in anderen Zusammenhängen zu Recht aufregt.
Belegt ist etwas anderes, und es reicht völlig. Die Konkurrenz ist strukturell angelegt: Wer ein Rechenzentrum baut, konkurriert um dieselben Gewerke wie Wohnungsbau, Krankenhäuser, Fabriken und Energieanlagen. Eine McKinsey-Rechnung, die t3n im Januar aufgegriffen hat, beziffert den zusätzlichen Bedarf bis 2030 auf 130.000 Elektriker, 240.000 Bauarbeiter und 150.000 Bauleiter — Menschen, die es nicht gibt und die in diesem Zeitraum auch nicht mehr ausgebildet werden können. Die amerikanische Elektrikergewerkschaft berichtet von Regionalverbänden, die vor Projekten stehen, für die das Zwei- bis Vierfache der verfügbaren Fachkräfte nötig wäre. Wir wissen also nicht, ob die Verdrängung hier schon stattfindet. Wir wissen, dass die Voraussetzungen dafür vollständig vorliegen und dass die geplanten Kapazitäten fest in den Büchern stehen.
Wie wenig die Gemeinden auf diese Verhandlungen vorbereitet sind, hat gerade die Federation of American Scientists aufgeschrieben. Ihr Leitfaden „Before Breaking Ground" ist im Kern eine Liste dessen, was Kommunen festnageln sollten, bevor sie unterschreiben — und liest sich wie eine Aufzählung dessen, was bisher niemand festgenagelt hat: Steuerbefreiungen ohne Nachverhandlung nach fünf Jahren, keine Berichtspflicht über den Wasserverbrauch, Lärmgrenzen ohne messbare Zahlen. Zwei Befunde daraus bleiben hängen. Erstens: Den Bundesstaaten entgehen durch solche Steuerbefreiungen über eine Milliarde Dollar im Jahr. Zweitens, und das ist die bemerkenswertere Zeile, ist der Organisation kein einziger Fall bekannt, in dem ein Rechenzentrum den Betrieb eingestellt hätte und ordentlich zurückgebaut worden wäre. Man verhandelt hier also über Anlagen, für deren Ende es noch kein Beispiel gibt.
Bleibt das Detail, das die Sache schief macht. Ein Rechenzentrum braucht die Handwerker in der Bauphase — danach betreibt es sich mit erstaunlich wenigen Menschen; das ist kein Vorwurf, sondern der Sinn der Anlage. Die Wohnung, die in diesen Jahren nicht gebaut wird, fehlt dagegen nicht vorübergehend, sondern dauerhaft, und sie fehlt jemandem, der mit alldem nichts zu tun hat. Der Boom bindet die knappste Ressource temporär und hinterlässt eine Lücke, die bleibt. Das ist dieselbe Asymmetrie wie in der Reihe über Agenten außer Kontrolle, nur diesmal aus Beton statt aus Bits: Der Nutzen fällt bei dem an, der die Anlage bestellt; die Kosten trägt jemand, der nie gefragt wurde.
Und weil das hier kein Beitrag über andere Leute sein soll: Ich betreibe meine KI auf zwei Karten im eigenen Haus und habe im Juli vorgerechnet, wie gründlich die aktuellen Spitzenmodelle daran abprallen. Der Ausweg aus dieser Rechnung führt normalerweise ins Rechenzentrum — und damit in genau die Nachfrage, um die es hier geht. Wer für Souveränität und eigene Hardware argumentiert, wie ich das tue, sollte deshalb dazusagen, dass auch die eigene Maschine irgendwo steht und irgendwann jemand ihr Rack montiert hat. Die Frage ist nicht, ob wir Rechenzentren bauen. Die Frage ist, ob wir so tun, als sei das eine reine Stromfrage.
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