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21. September 2026

Wer Nein sagen kann

Auf Hacker News wird seit dem Wochenende ein Essay von Gregory Gundersen diskutiert, der mit einem Satz beginnt, den man sich merken sollte: „Some money is better than others.“ Manches Geld ist besser als anderes. Gundersen erzählt das als Parabel. Ein Dorf zahlt mit grauen Steinen, dann gibt eine Bank Scheine aus, die Banken rechnen untereinander über eine Zentralbank ab, und am Ende rechnen ganze Bankensysteme in der Währung eines Nachbardorfs ab. Jede Ebene ist nur so gut wie das Versprechen der Ebene darüber. Er stützt sich dabei auf den Ökonomen Perry Mehrling, der das die Hierarchie des Geldes nennt.

Was oben steht. Auf deinen Alltag übertragen ist die Sache schnell sortiert. Ganz oben steht Zentralbankgeld, und davon kannst du als Bürger nur eine Sorte anfassen: den Schein. „Auf Euro lautende Banknoten sind das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel“, steht in § 14 des Bundesbankgesetzes. Piero Cipollone aus dem Direktorium der Europäischen Zentralbank hat es im April in Riga so gesagt: Öffentliches Geld, das Geld der Bürger, ausgegeben von ihrer Zentralbank, gibt es nur noch in physischer Form, als Bargeld. Alles auf deinem Girokonto steht eine Stufe tiefer. Es ist ein Versprechen deiner Bank, und gesetzlich abgesichert ist dieses Versprechen bis 100.000 Euro (§ 8 EinSiG).

Die zweite Achse. In Gundersens Dorf geht es darum, wem man vertrauen muss. Im echten Leben kommt eine zweite Frage dazu: Wer kann eigentlich Nein sagen? Ich finde, das ist die interessantere von beiden. Beim Schein ist die Liste kurz, da reden nur du und die Person mit, der du ihn gibst. Beim Kontoguthaben kommt deine Bank dazu. Und zahlst du mit Karte, auch das Kartennetz, über das die Zahlung läuft. Das sind im Euroraum überwiegend keine europäischen Firmen. Fast zwei Drittel der Kartenzahlungen wickeln nach Cipollones Angaben vom Februar nicht-europäische Unternehmen ab, dreizehn Euroländer hängen vollständig an internationalen Kartensystemen.

Wie das aussieht, wenn jemand Nein sagt. Nicolas Guillou ist französischer Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Seit dem 20. August 2025 steht er auf der Sanktionsliste der US-Regierung, weil er an den Haftbefehlen gegen Israels Premier Benjamin Netanjahu und dessen früheren Verteidigungsminister Joav Gallant mitgewirkt hat. US-Firmen dürfen ihm seitdem keine Dienste mehr leisten. Euronews hat im Februar aufgeschrieben, was daraus folgt. Die meisten Kreditkarten kann er nicht nutzen, weil Visa und Mastercard den Markt beherrschen. Die meisten digitalen Dienste sind für ihn gesperrt, selbst Onlinebestellungen scheitern, wenn ein US-Zwischenhändler wie UPS beteiligt ist. Ein Hotel in Frankreich, gebucht über Expedia, wurde Stunden später storniert. Und manche Banken gehen über das Nötige hinaus und lehnen Zahlungen sanktionierter Personen automatisch ab. Sein Satz dazu, übersetzt: „Am problematischsten ist es, wenn es Dienste trifft, für die es tatsächlich keine europäische Alternative gibt.“ Was bleibt ihm in dieser Lage? Der Schein im Portemonnaie. Den kann ihm niemand aus der Ferne sperren.

Ob man die Haftbefehle für richtig hält, spielt für diese Geschichte keine Rolle. Es geht um etwas anderes: Ein europäischer Richter, der in Europa ein Hotel bucht, bekommt sein Nein aus Washington.

Das ist keine steile These von mir. Cipollone hat den Fall in Riga selbst angeführt. Die Abhängigkeit von nicht-europäischer Infrastruktur mache Nutzer verwundbar für einen vollständigen Entzug des Zugangs, und Einzelne könnten ganz handfest betroffen sein, etwa weil sie keine Bankkarte mehr nutzen können. Die Richter des Strafgerichtshofs, sagte er, hätten genau das gerade selbst erlebt. Wenn jemand aus dem Direktorium der Zentralbank so redet, ist das keine Randmeinung mehr.

Europas Antworten. Ich sehe zwei, und keine davon ist fertig. Die erste heißt Wero, die Bezahl-App europäischer Banken. Sie funktioniert von Handy zu Handy und seit November 2025 in ersten deutschen Onlineshops. An die Ladenkasse soll sie erst noch kommen, in Deutschland nach aktuellem Stand 2027. Die zweite ist der digitale Euro, also Zentralbankgeld in digitaler Form. Die Kommission hat ihn im Juni 2023 vorgeschlagen, die Mitgliedstaaten haben sich im Dezember 2025 positioniert, und am 9. Juli hat das Europaparlament mit 416 zu 169 Stimmen den Weg in die Verhandlungen freigemacht, nachdem rechte Fraktionen eine Abstimmung im Plenum erzwungen hatten. Die EZB plant, sofern das Gesetz 2026 steht, einen Pilotversuch ab Mitte 2027 und die erste Ausgabe im Lauf des Jahres 2029.

Und hier wird es genau. Der digitale Euro wäre Zentralbankgeld, aber er ist nicht in jeder Hinsicht ein digitaler Geldschein. Bei Zahlungen ohne Netz, sagt die EZB, kennen die Einzelheiten nur Zahler und Empfänger. Das kommt dem Bargeld nahe. Online dagegen läuft auch der digitale Euro über eine Bank oder einen Zahlungsdienstleister, bei dem du ein Konto eröffnest. Und wie viel du davon halten darfst, soll begrenzt werden, damit nicht zu viel Geld von den Bankkonten abfließt. Die Zentralbank selbst sieht nach eigener Aussage nicht, wer an wen zahlt. Ich lese das so: Die Eigenschaft, um die es hier geht, dass nur die beiden Beteiligten mitreden, gibt es auch künftig vollständig nur offline.

Deshalb halte ich das Begleitgesetz für mindestens so wichtig wie den digitalen Euro selbst. Nach der Position des Parlaments sollen die Euroländer verpflichtet werden, Bargeld zugänglich zu halten, und Geschäfte sollen Bargeld nicht verbieten dürfen. Das klingt nach Nostalgie. Es ist aber der Teil des Pakets, der dir die oberste Stufe der Hierarchie offen hält, egal wie die Verhandlungen über den Rest ausgehen.

Gundersens Dörfer lernen, dass manches Geld besser ist als anderes. Die europäische Lektion aus diesem Jahr ergänzt einen Punkt: Besser heißt auch, dass weniger Leute mitreden. Wie viele Stellen könnten deine nächste Zahlung stoppen? Beim Schein in deiner Tasche reden genau zwei mit, du und der, dem du ihn gibst.

Quelle: Gregory Gundersen, „The Hierarchy of Money“, 20.09.2026; Reden von EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone am 19.02. und 01.04.2026; Euronews, 18.02.2026

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