Was bleibt, wenn der Anbieter geht
Zwei deutsche Versprechen gehen in diesem Jahr zu Ende. Das eine war ein Gesetz, das andere eine Firma. Das De-Mail-Gesetz tritt mit Ablauf des 31. Dezember außer Kraft, und am selben Tag schaltet der letzte Anbieter ab. Aleph Alpha aus Heidelberg, jahrelang die Standardantwort auf die Frage nach der deutschen KI, hat Mitte September die Fusion mit dem kanadischen Anbieter Cohere unterschrieben. Die Behörden müssen noch zustimmen. Das gemeinsame Unternehmen heißt Cohere, der Name Aleph Alpha verschwindet. Ich habe beide Abschiede nebeneinandergelegt. Sie gleichen sich fast überall, und an der einen Stelle, an der sie sich unterscheiden, steckt die ganze Lektion.
Was am 3. Oktober passiert ist. Am Tag der Deutschen Einheit hat Aleph Alpha ein Sprachmodell veröffentlicht. Es heißt Kolibri: 78 Milliarden Parameter, von denen je Token nur dreieinhalb Milliarden rechnen, trainiert in Deutschland und Finnland, gut ein Fünftel des Lernstoffs deutsch. Entscheidend ist die Lizenz. Die Gewichte stehen unter Apache 2.0 zum Herunterladen bereit. Du darfst das Modell nehmen, betreiben, umbauen und verkaufen, ohne jemanden zu fragen.
Was es taugt. Trending Topics urteilt kühl: gegen die Spitze der offenen Modelle keine Chance, die Vergleichsmodelle des Herstellers stammen aus dem Frühjahr. Das deckt sich mit der Tabelle, die Aleph Alpha selbst veröffentlicht. Dort führt Kolibri seine Klasse an, im Deutschen mit 70,8 Punkten. In derselben Tabelle steht ein Modell von Alibaba mit einem Drittel der Parameter bei 79,9, ausgegraut, weil es je Token mehr rechnet. Alle Zahlen stammen vom Hersteller. Unabhängig nachgemessen hat einen Tag nach Erscheinen noch niemand.
Was es braucht. Als Minimum nennt die Modellkarte zwei Grafikkarten mit je 80 Gigabyte Speicher oder eine noch größere. Das ist die Klasse, die in großen Rechenzentren steht. Auf meiner Maschine mit zweimal 48 Gigabyte läuft Kolibri in der unterstützten Form nicht. Offen heißt nicht automatisch klein.
Die Lücke zwischen Wollen und Tun. Im Studienbericht des Bitkom sagen 93 Prozent von 604 befragten Unternehmen, sie würden bevorzugt auf KI aus Deutschland setzen. Auf die Frage, welche Anwendungen sie tatsächlich nutzen, nennen 70 Prozent ChatGPT. Aleph Alpha kommt auf 0,3 Prozent, rechnerisch höchstens zwei Unternehmen. Im November 2023 hatte die Firma eine Finanzierung von mehr als 500 Millionen Dollar verkündet, getragen von einem Konsortium, zu dem die Schwarz Gruppe, Bosch und SAP gehörten. Später wurde bekannt, dass davon 110 Millionen Euro Eigenkapital waren, der Rest Forschungsgeld und Auftragszusagen. Die Herkunft war das Verkaufsargument. Gekauft wurde woanders.
Das Muster kennst du von De-Mail. 2011 bekam Deutschland per Gesetz die sichere, rechtsverbindliche E-Mail. Die Sicherheit stand im Gesetz und nicht in der Technik: Eine Verschlüsselung vom Absender bis zum Empfänger war nicht vorgeschrieben, die Nachrichten wurden beim Anbieter entschlüsselt. Der Chaos Computer Club hat das 2013 dem Innenausschuss des Bundestags aufgeschrieben und empfohlen, das Projekt zu streichen. Dazu kam, dass De-Mail nicht mit gewöhnlicher E-Mail sprach. Wer mitmachen wollte, brauchte ein eigenes Postfach in einem eigenen Netz, und auf der anderen Seite wartete selten jemand. Der Chef der Telekom nannte das Produkt 2021 einen „toten Gaul“, 2022 stieg der Konzern aus. GMX, Web.de und 1&1 folgten Anfang 2025. Der letzte Anbieter macht Ende Dezember Schluss. Danach bleiben drei Monate zum Herunterladen, dann wird gelöscht.
Wo der Vergleich trägt. In beiden Fällen stand „aus Deutschland“ vorn auf der Packung. In beiden Fällen war die Zustimmung groß und die Nutzung klein. Souveränität als Etikett gewinnt Umfragen und verliert an der Kasse.
Wo er kippt. De-Mail war ein geschlossenes System. Anbieter wurde nur, wer eine staatliche Zulassung hatte, und als die Anbieter gingen, ging alles mit: Adresse, Postfach, Zugang. Wer zehn Jahre lang De-Mail genutzt hat, hält im April 2027 noch das in der Hand, was er vorher exportiert hat. Bei Kolibri ist es umgekehrt. Die Firma geht in einem größeren Unternehmen auf, der Name verschwindet, und das Modell liegt trotzdem auf jeder Festplatte, auf die es jemand geladen hat. Keine Abschaltung holt es zurück. Einen Tag nach der Veröffentlichung standen schon acht Umbauten von Fremden im Netz, für Apple-Rechner, in kleineren Fassungen, einer sogar für den Betrieb ohne Grafikkarte. Dafür musste niemand eine Zulassung beantragen.
Die Lektion. Ob ein Angebot aus Deutschland kommt, sagt wenig darüber, ob es dir gehört. Es kommt darauf an, was bei dir liegt, wenn der Anbieter aufhört: ein Konto oder eine Datei. De-Mail war ein Konto. Kolibri ist eine Datei. Deshalb stelle ich jedem Angebot, das mir Unabhängigkeit verspricht, zuerst dieselbe Frage: Was habe ich am Tag nach der Abschaltung noch?
Was ich damit mache. Betreiben werde ich Kolibri nicht. Mir fehlt die Hardware dafür, und für meine Aufgaben verspricht ein kleineres Modell mehr. Das habe ich am 5. Oktober nachgemessen, auf Deutsch und an eigenen Prüfaufgaben. Ein offenes Modell von Alibaba mit 27 Milliarden Parametern hält dort mit meinem bisherigen Arbeitsmodell mit, 17 gegen 18 von 20 Punkten, mit eingeschaltetem Denkmodus 20 von 20. Es läuft auf einer einzigen meiner beiden Grafikkarten. Den Kolibri nehme ich trotzdem mit, als Beleg: Der Satz, dass es die Modelle offen gibt, gilt jetzt auch für eines aus Heidelberg. Dass die offenen Gewichte in dem Moment kommen, in dem die Marke geht, hat seine eigene Ironie.
Und du? Bei welchem deiner Dienste hättest du am Tag nach der Abschaltung mehr in der Hand als eine Exportfrist?
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