Acht Jahre Bedenkzeit
Am 6. Oktober hat heise einen Hintergrundbeitrag veröffentlicht: „Digitale Souveränität durch Open Source – die Datenplattform der Zukunft?“ Sarah Puch und Sebastian Ertl von der infologistix GmbH beschreiben darin, wie eine Datenplattform aus Open-Source-Bausteinen entsteht. Der Text steht hinter der Bezahlschranke von heise+. Frei lesbar ist nur der Anfang. Darin steht der Gedanke, an dem ich hängen geblieben bin: In unsicherer geopolitischer Lage sei digitale Souveränität strategisch wichtig.
Das stimmt. Nur: seit wann eigentlich?
Was frei sichtbar ist. Der Anreißer nennt eine Zahl der Synergy Research Group. Amazon, Microsoft und Google hielten Anfang 2026 zusammen 63 Prozent des Marktes für gemietete Recheninfrastruktur. Bei Synergy selbst stehen die Einzelwerte für das erste Quartal: 28, 21 und 14 Prozent. Der Markt setzte in diesen drei Monaten rund 129 Milliarden Dollar um. Chefanalyst John Dinsdale sagt, er sei „fifteen times larger than it was a decade ago“. Aus der Inhaltsübersicht bei heise weiß ich, dass die Autoren über Architektur, Mehraufwand und die nötigen Kompetenzen schreiben. Was sie im Einzelnen empfehlen, kann ich nicht beurteilen, weil ich es nicht gelesen habe. Darum geht es hier auch nicht. Es geht um das Wort „strategisch“.
Die Akte ist alt
Im März 2018 trat in den USA der CLOUD Act in Kraft. Seitdem können US-Behörden von Anbietern unter US-Recht Daten verlangen, und zwar gleichgültig, ob die Daten in den USA liegen oder anderswo. Microsoft, Amazon und Google haben das Gesetz damals unterstützt.
Am 16. Juli 2020 erklärte der Europäische Gerichtshof den Privacy Shield für ungültig, die Grundlage für Datenübermittlungen in die USA (Rechtssache C-311/18). Die Begründung fasst der Händlerbund so zusammen: US-Behörden wie die NSA haben weiten Zugriff, und Betroffene aus der EU haben keinen wirksamen Rechtsbehelf dagegen.
Am 10. Juni 2025 saß Anton Carniaux, Rechtsdirektor von Microsoft Frankreich, vor einem Untersuchungsausschuss des französischen Senats. Der Berichterstatter Dany Wattebled fragte ihn unter Eid, ob er garantieren könne, dass die Daten französischer Bürger nie auf Anordnung der US-Regierung und ohne Zustimmung der französischen Behörden weitergegeben werden. Die Antwort steht im Protokoll: „Non, je ne peux pas le garantir, mais, encore une fois, cela ne s'est encore jamais produit.“ Nein, garantieren kann er es nicht, aber passiert sei es noch nie.
Hier zeigt sich keine geopolitische Lage, die sich gerade erst ergeben hat, sondern eine Rechtslage. Sie steht seit acht Jahren im Gesetzblatt, sie ist seit sechs Jahren höchstrichterlich gewürdigt, und seit über einem Jahr hat der Anbieter sie selbst bestätigt. In derselben Zeit ist der Markt kräftig gewachsen, und fast zwei Drittel davon gehören drei Konzernen. Die Erkenntnis, dass man nicht gern vom Willen dreier US-Konzerne abhängt, ist also richtig. Strategisch kommt sie recht spät.
Wollen und Tun
Am Willen fehlt es nicht. Der Bitkom hat 2025 gut 1.100 Unternehmen befragt (Pressemitteilung vom 17. September 2025). 73 Prozent halten Open Source für ein geeignetes Mittel, um die digitale Souveränität zu stärken. Genauso viele setzen bereits Open-Source-Software ein. Eine Open-Source-Strategie haben 37 Prozent. Als größtes Hemmnis nennen die Firmen fehlende Fachkräfte.
An dieser Stelle wird Verspätung teuer. Eine Datenplattform aus offenen Bausteinen ist kein Paket, das man bestellt. Man muss sie betreiben, aktualisieren, absichern und verstehen. Die heise-Autoren nennen in ihrem Anreißer genau das: Zusatzaufwände und Kompetenzen. Wer jahrelang Betrieb eingekauft hat, hat jahrelang keinen Betrieb gelernt. Dieses Wissen lässt sich nicht über Nacht zurückholen, nur weil sich die Nachrichtenlage ändert.
Ich kenne die Rechnung aus kleinem Maßstab. Dieser Blog läuft auf eigener Hardware in einem deutschen Rechenzentrum. Das kostet Zeit, und für Fehler bin ich selbst zuständig. Abhängigkeit kostet auch, nur kommt die Rechnung später. Und wann sie kommt, entscheidest dann nicht mehr du.
Was heißt das für Firmen hier? Die Frage ist nicht mehr, ob Open Source taugt, denn das haben sie längst beantwortet. Offen ist, wer im eigenen Haus noch weiß, wie die eigenen Daten liegen, und wer sie umziehen könnte, wenn es darauf ankommt. Ein Umzug, den niemand mehr beherrscht, bleibt eine Absichtserklärung.
Carniaux hat unter Eid eine bemerkenswert präzise Auskunft gegeben, und man sollte sie genau lesen. „Noch nie passiert“ ist keine Garantie, sondern ein Rückblick.