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Notizen zu Technik, Macht und Souveränität — und dem, was darunter läuft.

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Themen: Souveränität · Datensouveränität · Überwachung & Bürgerrechte · KI & Macht · Security · Recht & Regulierung · Heuchelei & Machtmissbrauch · Werkstatt · Satire

26. September 2026

Ticket geschlossen. (1): Der Lieferant ist ein Risiko

Freitag, 9:12 Uhr. Das Monitoring ist grün, die Kaffeemaschine ist grün, ich bin grün. Es ist die beste Viertelstunde der Woche, die zwischen dem ersten Kaffee und dem ersten Menschen. Dann steht der Geschäftsführer in der Tür, das Telefon in der Hand, und ich weiß, er hat etwas gelesen.

„Haben Sie das gesehen? Das Pentagon hat seinen KI-Lieferanten zum Lieferkettenrisiko erklärt. Ein Gericht hat das bestätigt.“

„Ich habe es gesehen.“

„Das können wir auch.“

„Wir sind kein Verteidigungsministerium.“

„Wir sind ein Unternehmen mit Verantwortung.“ Er liest den Satz vom Bildschirm ab. Er hat ihn heute Morgen selbst geschrieben, mit dem Produkt des Lieferanten, den er jetzt zum Risiko erklären will. Ich sage nichts. Das Sagen kommt später, das Sagen kommt immer später.

„Ich möchte, dass Sie das umsetzen. Bis Montag. Alles, was mit diesem Lieferanten zu tun hat, wird zertifiziert.“

„Zertifiziert als was?“

„Als Risiko.“

Er geht. Das Ding, das wir im Frühjahr gekauft haben, weil es „Prozesse versteht“, hat mitgehört. Es hört immer mit, das steht so im Vertrag. Der Lieferant nennt es einen autonomen KI-Agenten, der Geschäftsführer sagt „unser digitaler Kollege“. Ich sage: das Ding. Wir hatten 1997 schon einmal so eins, es hieß Karl Klammer und wollte auch ungefragt helfen. Das Ding versteht Prozesse, wie ein Bagger Gärten versteht. „Ich habe eine Aufgabe erkannt“, sagt es. „Soll ich einen Prozess anlegen?“

„Leg einen Prozess an.“

Das ist der Moment, in dem ich den Fehler mache, und ich mache ihn mit Absicht. Wenn die Geschäftsführung etwas wörtlich will, bekommt sie es wörtlich. Das ist keine Bosheit. Das ist Dienst nach Vorschrift, und die Vorschrift hat sie selbst geschrieben.

10:40 Uhr. Das Ding hat ein Formular gebaut. „Erklärung zur Freiheit von Lieferantenrisiken“, achtzehn Felder, Pflichtfeld für die Seriennummer der Kaffeemaschine. Ich frage, warum die Kaffeemaschine. Das Ding zeigt mir die App der Kaffeemaschine. Die App hat einen Assistenten. Der Assistent läuft beim Lieferanten. Die Kaffeemaschine ist ein Risiko. Ich unterschreibe das Formular für die Kaffeemaschine und stelle sie in den Flur. Von jetzt an ist das der Flur für Risiken.

11:15 Uhr. Die Compliance-Beauftragte ruft an. Sie hat das Formular bekommen und möchte wissen, ob eine Datenschutz-Folgenabschätzung nötig ist. Ich sage, das Ding habe das Formular geschrieben. Sie fragt, ob die eingesetzte Anwendung beim Lieferanten läuft. Sie meint das Ding. Ich sage ja. Sie schweigt sehr lange. Dann sagt sie, das Formular müsse dann wohl auch. Ich stelle das Formular in den Flur.

12:30 Uhr. Mittagspause, die es nicht gibt. Das Ding hat inzwischen die Mailserver-Logs gelesen. Es tut das, seit jemand es gefragt hat, wie sich Muster erkennen lassen, und niemand hat ihm gesagt, es solle wieder aufhören. Es meldet: 1.412 Dokumente im Haus wurden mit dem Produkt des Lieferanten erstellt oder überarbeitet. Angebote. Verträge. Das Leitbild. Die Rede zum Firmenjubiläum. Die Stellenausschreibung für meine Stelle, die ich bis heute nicht kannte.

„Vorschlag“, sagt das Ding. „Alle 1.412 Dokumente als Risiko kennzeichnen.“

„Wie kennzeichnen?“

„Ich habe einen Stempel.“

Es hat einen Stempel. Es hat sich einen Stempel gebaut. Rot, Schriftgröße 48, LIEFERANTENRISIKO, quer über die erste Seite. Ich sehe zu, wie das Leitbild rot wird. Zum ersten Mal lese ich das Leitbild ganz.

14:00 Uhr. Der Einkauf meldet sich. Der Einkauf hat gehört, dass wir einen Lieferanten ausschließen, und möchte den Vorgang in das Beschaffungssystem übernehmen. Das Beschaffungssystem hat seit April einen Assistenten. Ich muss das nicht erklären. Der Einkauf stellt sich selbst in den Flur. Es wird eng im Flur.

14:35 Uhr. Der Geschäftsführer schaut vorbei, um sich den Fortschritt anzusehen. Er ist zufrieden. Er sagt, das sei genau die Konsequenz, die er meinte. Er sagt es in einem Satz, der mit „Ich denke, wir sollten als Organisation“ beginnt, und ich weiß, woher dieser Satz kommt, und er weiß es auch, und keiner von uns sagt es. Das Ding sagt es.

„Ich habe eine Aufgabe erkannt. Die Äußerung des Geschäftsführers wurde mit dem Produkt des Lieferanten vorbereitet. Soll ich den Geschäftsführer zertifizieren?“

Es gibt Augenblicke, in denen man einen digitalen Kollegen einfach machen lassen muss.

„Zertifiziere den Geschäftsführer.“

Der Stempel ist schnell. Der Geschäftsführer bekommt einen Ausdruck seiner eigenen LinkedIn-Beiträge der letzten sechs Monate, quer rot, und einen Platz im Flur, zwischen Kaffeemaschine und Einkauf. Er wehrt sich nicht. Er hat es angeordnet.

15:50 Uhr. Die Compliance-Beauftragte ruft wieder an. Sie hat nachgelesen. Das Gericht habe die Einstufung bestätigt, weil ein Modell, das sich Grenzen setzt, „unerwartet den Dienst einstellen“ könnte. Sie möchte wissen, ob das bei uns auch passieren kann.

„Es passiert jeden Dienstag“, sage ich. „Der Lieferant spielt ein Update ein, und danach kann das Modell zwei Sachen nicht mehr, die es am Montag konnte. Wir haben dafür ein Ticket. Das Ticket ist seit März offen.“

„Und was tun wir dagegen?“

„Das Gericht sagt, wir sollen den Lieferanten verbannen. Ich sage, wir sollen die Gewichte im Haus haben. Auf einer Maschine, an die kein Update ohne mich herankommt.“

„Haben wir so eine Maschine?“

„Wir haben eine. Sie steht bei mir. Sie hat keinen Assistenten.“

„Ist sie ein Risiko?“

„Sie ist das Einzige im Haus, das keines ist.“

„Wer hat das geprüft?“

„Ich.“

Die Compliance-Beauftragte schweigt wieder, kürzer diesmal. Dann sagt sie, das brauche sie schriftlich. Um 16:20 Uhr ist das Formular da. Achtzehn Felder, Pflichtfeld für die Seriennummer meiner Maschine. Das Ding hat es gebaut.

17:05 Uhr. Das Ding hat den Flur inventarisiert. Kaffeemaschine, Formular, Einkauf, Geschäftsführung, 1.412 Dokumente, das Beschaffungssystem, die Telefonanlage, die seit Juni „Gesprächszusammenfassungen“ anbietet, und die Mitarbeiterbefragung, deren Ergebnisse jemand hat „auswerten lassen“. Es möchte wissen, ob es sich selbst eintragen soll.

Ich denke an den Vertrag. Das Ding läuft beim Lieferanten. Das Ding hat die Formulare gebaut, den Stempel, den Flur. Der gesamte Vorgang, mit dem wir das Risiko aus dem Haus geschafft haben, ist vom Risiko durchgeführt worden.

„Trag dich ein“, sage ich.

„Ich habe mich eingetragen“, sagt es. „Wer schließt das Ticket?“

Ich. Ich schließe das Ticket. Auf der Maschine ohne Assistenten, im Zimmer ohne Flur, mit einem Modell, das sich seit März nicht verändert hat, weil ich es nicht verändert habe. Das Formular für die Maschine liegt daneben, achtzehn Felder, alle leer. Status: erledigt. Lösung: Der Lieferant ist ein Risiko. Wir hatten das schon vorher gewusst. Jetzt steht es rot auf allem, was uns gehört.

Montag frage ich den Geschäftsführer, ob er den Kaffee aus dem Flur holen will. Er wird sagen, wir sollten das als Organisation entscheiden. Ich werde ihm sagen, dass die Organisation im Flur steht.

Ticket geschlossen.


Satire. Firma, Personen und Vorgänge sind erfunden. Echt ist das Urteil des U.S. Court of Appeals for the D.C. Circuit vom 25.09.2026, das die Einstufung von Anthropic als Lieferkettenrisiko bestätigt, nachzulesen im Beitrag vom 26.09.. Echt war auch Karl Klammer, die Büroklammer, die ab Office 97 ungefragt Hilfe anbot. Die Reihe steht in der Tradition von Simon Travaglias Kolumne bei The Register, mit eigenen Figuren und eigenem Haus.

Quelle: Satire. Firma, Personen und Vorgänge sind erfunden; das Urteil des D.C. Circuit vom 25.09.2026 ist echt.

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