Ticket geschlossen. (2): Unzustellbar
Freitag, 9:12 Uhr. Das Monitoring ist grün. Die Kaffeemaschine steht seit drei Wochen im Flur für Risiken, und der Kaffee schmeckt dort besser, seit keiner mehr über ihn redet. Dann steht der Geschäftsführer in der Tür, das Telefon in der Hand.
„Haben Sie gelesen, dass Windows 10 ausläuft?“
„Im Oktober letzten Jahres.“
„Hier steht es heute.“ Er hält mir das Telefon hin. Ein Berater hat es geteilt, mit drei Ausrufezeichen und einem Kalender, der brennt.
„Wir zahlen seit einem Jahr für die Verlängerung. Seit Mittwoch das Doppelte.“
„Davon habe ich nichts gelesen.“
„Es stand auf einer Rechnung.“
„Ich möchte, dass alle neue Rechner bekommen. Bis Montag. Auch die Kollegen im Homeoffice.“
Er geht. Das Ding hat mitgehört. So nenne ich den KI-Agenten, den wir im Frühjahr gekauft haben; seit dem Update am Dienstag heißt das beim Lieferanten „autonomer KI-Agent der nächsten Generation“. „Ich habe eine Aufgabe erkannt“, sagt es. „Ich lege einen Rollout an.“
10:05 Uhr. Einunddreißig Kollegen arbeiten im Homeoffice. Für einunddreißig Geräte braucht das Ding einunddreißig Adressen. Die Personalabteilung gibt keine Adressen heraus. Datenschutz. Das Ding fragt nach den Telefonnummern, um die Kollegen selbst zu fragen. Datenschutz.
„Vorschlag der Personalabteilung“, sagt das Ding. „Die Kollegen holen ihre Geräte in der nächsten Niederlassung ab.“
Wir haben zwei, Hamburg und München. Welche die nächste ist, darf die Personalabteilung nicht sagen. Dafür bräuchte sie die Adresse.
Die Regel gilt für alle. Auch für die Kollegin aus der Buchhaltung, die zu Hause arbeitet, seit sie nicht mehr gut sieht, und für den Kollegen aus dem Vertrieb, der seit seinem Unfall nicht mehr Auto fährt. Sie sollen quer durchs Land fahren, um einen Arbeitsplatz abzuholen, den sie zu Hause haben, weil sie nicht quer durchs Land fahren können. Ich schreibe das so ins Ticket. Die Personalabteilung antwortet, so seien alle gleich behandelt.
10:40 Uhr. Die Compliance-Beauftragte ruft an. Sie hat vom Rollout gehört und möchte wissen, ob die neuen Rechner eine Kamera haben. Sie haben eine. Sie bittet, jede Kamera abzukleben, bevor das Gerät das Haus verlässt. Einunddreißig Streifen Klebeband. Datenschutz. Wohin die Geräte das Haus verlassen, weiß weiterhin niemand.
11:30 Uhr. Das Ding hat einen zweiten Vorschlag. Es schickt die Geräte an alle Haushalte in Deutschland. Wer seins behält, ist offenbar Mitarbeiter. Die Adressen gibt es bei einem Adresshändler, fertig sortiert. Mit Einwilligung, sagt der Adresshändler. Für die eigenen Leute haben wir keine bekommen.
„Was kostet das?“
„Porto“, sagt das Ding. „Und die Geräte, die nicht zurückkommen. Dafür habe ich eine Quote angesetzt.“
Ich frage nicht, welche. Früher hätte diese Diskussion Monate gedauert. Das Ding schafft sie bis zum Mittag. Es macht die Bürokratie nicht kleiner, nur schneller.
12:30 Uhr. Mittagspause, die es nicht gibt. Die Anforderungen treffen ein. Aus dem Vorzimmer der Geschäftsführung kommt eine Anforderung für eine Workstation zur Grafikbearbeitung. Für PowerPoint. Das Vorzimmer arbeitet näher an der Macht als das Controlling, und die Nähe zur Macht misst man in Grafikkarten. Ein Kollege aus dem Vertrieb, der in seiner Signatur „Senior Expert Digital Transformation“ heißt, braucht 128 Gigabyte Arbeitsspeicher. Für die KI, die er lokal laufen lassen will. Installiert hat er sie noch nicht, er wartet auf den Speicher.
Das Controlling rechnet jeden Monat eine Tabelle mit neunhunderttausend Zeilen. Es bekommt den Standard. Im Controlling hat niemand „Senior“ in der Signatur.
„Ich habe eine Regel erkannt“, sagt das Ding. „Arbeitsspeicher nach Organigramm. Soll ich sie in den Prozess übernehmen?“
Die Regel ist nicht neu. Sie gilt, seit es Organigramme gibt: Die Leistung eines Rechners steigt mit der Stellung seines Nutzers und fällt mit dessen Bedarf. Neu ist nur, dass sie jetzt jemand aufschreibt.
14:00 Uhr. Es hat sich herumgesprochen, dass zwei Monitore die bessere Grafikkarte bedeuten. Um 14 Uhr braucht jeder zwei Monitore. Um 14:20 Uhr braucht die Poststelle drei. Wer die komplette Adobe-Suite beantragt, bekommt die Workstation. Die Suite öffnet niemand. Sie begründet den Rechner, der Rechner begründet die Stellung, die Stellung begründet die Suite. Zurückgebaut wird nichts. Ein Monitor, der einmal steht, ist ein Besitzstand.
Der Einkauf bestellt alles beim Rahmenvertragspartner. Das sei im Rahmenvertrag, sagt der Einkauf.
Das Ding beantragt zwei Monitore. Es hat keine Augen. Es hat nur erkannt, wofür man zwei Monitore braucht.
15:10 Uhr. Weil es keine Adressen bekommt, nimmt das Ding den letzten Standort. Den kennt es aus der letzten Anmeldung. Wer letzte Woche drei Tage in München war, eigentlich aber in Hamburg sitzt, bekommt sein Notebook nach München. In die Messehalle. Der Vertriebsleiter war zuletzt bei einem Kunden in Hamburg. Der Kunde hat jetzt vier Notebooks und bedankt sich für die gute Zusammenarbeit.
Den Rest des Nachmittags telefonieren wir. Mit Paketdiensten, Messehallen, Pförtnern und einem Kunden in Hamburg. Mit den eigenen Kollegen dürfen wir nicht telefonieren. Datenschutz. Mit allen anderen schon.
15:50 Uhr. Die Compliance-Beauftragte ruft wieder an. Sie hat nachgelesen.
„Um jemandem seinen Arbeitsplatz nach Hause zu schicken, darf man seine Adresse verwenden. Dafür braucht es keine Einwilligung, das ergibt sich aus dem Arbeitsvertrag. Mit dem Dienstleister braucht man einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung.“
„Haben wir einen?“
„Seit März.“ Sie macht eine Pause. „Er liegt im Flur.“
„Warum hat die Personalabteilung dann nein gesagt?“
„Weil jemand gefragt hat.“
16:30 Uhr. Die Sachbearbeiterin kommt vorbei. Im Organigramm heißt sie so, seit 1998. Dass sie das Haus zusammenhält, steht im Organigramm nicht. Sie legt mir einen Ausdruck auf den Tisch: hundertvierzig Adressen, aktuell, mit Hinweisen. „Klingel defekt.“ „Pakete zum Nachbarn im zweiten Stock.“ „Montags nie da.“ Es ist die Liste für die Weihnachtskarten. Sie führt sie seit fünfundzwanzig Jahren. Wer in München war und wer in Hamburg sitzt, weiß sie auch. Sie bucht die Züge.
Um 16:50 Uhr sind alle einunddreißig Geräte umgeleitet. Die Liste ist nirgends dokumentiert. Deshalb stimmt sie.
17:05 Uhr. Das Ding hat inventarisiert. Hundertvierzig Rechner, zweihundertelf Monitore, zwei davon für das Ding, eine Workstation für PowerPoint, dreiundzwanzig Adobe-Suiten, keine davon geöffnet. Die Liste der Sachbearbeiterin steht jetzt im Flur. Die Compliance-Beauftragte hat sie dorthin gestellt. Die Sachbearbeiterin hat eine zweite.
Bleibt das VPN. Die Richtlinie verlangt, dass die Anmeldung persönlich und vor Ort erfolgt. Die Kollegin aus der Buchhaltung kann nicht vor Ort kommen, deshalb arbeitet sie ja zu Hause. Ich lese die Richtlinie noch einmal, wörtlich, wie ich alles lese. Vor Ort, steht da. Welcher Ort, steht da nicht. Morgen früh fahre ich nach Fulda.
„Soll ich dafür einen Prozess anlegen?“, fragt das Ding.
„Nein. Das ist kein Prozess. Das ist eine Autofahrt.“
Montag wird der Geschäftsführer lesen, dass Windows 11 ausläuft. Irgendwann stimmt es.
Ticket geschlossen.
Satire. Firma, Personen und Vorgänge sind erfunden. Wer schon einmal einen Rollout begleitet hat, weiß, welche Teile es nicht sind. Echt ist: Microsoft hat den Support für Windows 10 am 14. Oktober 2025 beendet, Firmen zahlen seitdem für erweiterte Sicherheitsupdates, im zweiten Jahr das Doppelte. Folge 1 der Reihe: Der Lieferant ist ein Risiko.
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